Wie fühlt es sich an, kein Sorbisch zu verstehen?

Martin Fröhlich brennt für vieles: Er ist nicht nur Innovator der Deutschen Bahn, sondern auch Modedesigner, Mentor,  Moderator und Musiker. Geboren und aufgewachsen in Wittichenau, hat er hat schon die halbe Welt bewohnt und lebte in China, Frankreich, England und Skandinavien. Heute wohnt er in Berlin. Warum es dem 37-Jährigen trotzdem wichtig ist, mindestens einmal im Monat in seine Heimat die Lausitz zu fahren und was die sorbische Sprache damit zu tun hat, erzählt er uns im Interview.

Von: Josi Altmann

Martin, du übst so viele verschiedene Tätigkeiten aus. Wie schaffst du das?
Arbeitszeit ist Lebenszeit. Ich würde verdursten, wenn ich nur digital arbeiten würde. Ich möchte auch ein Handwerk ausüben und meine Stimme als Musiker nutzen. Das alles geht aber nur, weil ich mit vielen lieben Menschen zusammenarbeite. Wir vertrauen und ergänzen uns und ermöglichen uns so gegenseitig, das zu machen, was wir machen wollen.

Das ist toll. Was würdest du anderen raten, die sich nicht trauen, diesen Weg zu gehen?
Jeder Mensch hat viele Talente. Man kann sich selbst aber erst dann weiterentwickeln, wenn man seine Ängste ablegt. Und, was ich schon als Kind von meinen Eltern gelernt habe: Gemeinschaft ist ein wichtiger Wert. Gemeinsam schafft man viel mehr als allein.

Die Werte deiner Kindheit spielen also auch heute noch eine wichtige Rolle für dich?
Ja, absolut. Die Werte, die ich von meiner Familie mitbekommen habe, waren immer schon wichtig für mich. Aber irgendwann bin ich mir wirklich darüber bewusst geworden, welche große Bedeutung meine Wurzeln für mich haben.

Wann war das?
Ich bin viel gereist und habe in verschiedenen Ländern gelebt. Menschen, Kulturen und Sprachen haben mich einfach schon immer interessiert. Als ich wieder nach Deutschland kam, habe ich mich intensiver mit meinen eigenen Wurzeln auseinandergesetzt. Meine Mutter ist Sorbin. Ich bin froh, dass ich durch mein Elternhaus die traditionellen sorbischen Werte mitbekommen habe, zum Beispiel Familie, Gemeinschaft, Zusammenhalt, Echtheit.

Welche Rolle spielt die sorbische Sprache dabei für dich?
Als Kind habe ich etwas Sorbisch in der Schule gelernt, verstehe die Sprache heute jedoch nicht mehr. Das finde ich wirklich schade. Trotzdem ist es für mich ein ganz vertrautes Gefühl, wenn ich jemanden Sorbisch sprechen höre. Ich pflege die sorbischen Werte und die sorbische Sprache gehört für mich bei traditionellen Anlässen einfach dazu – auch wenn ich sie selbst nicht spreche. Wenn ich bei Feierlichkeiten sorbische Lieder oder Gespräche höre, freut mich das. Es gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit.

Heute lebst du in Berlin. Verlieren diese Werte dort nicht an Bedeutung?
Berlin ist eine tolle Stadt. Die vielen Einflüsse führen jedoch auch dazu, dass man nie wirklich im Hier und Jetzt ist. Man ist immer „on the road“ und das ist auch spannend. Aber das birgt auch die Gefahr, dass man irgendwann im „Zombie-Modus“ durch die Welt geht. Ich versuche daher mindestens einmal im Monat in die Lausitz zu fahren, um mich zu erden. Hier ist man immer Mensch.

Wie meinst du das?
Wenn ich in Wittichenau bei meiner Familie bin, kann ich einfach Mensch sein. Hier kommt es nicht darauf an, was man geschafft hat oder nicht. Hier ist man einfach immer willkommen – auch ein Wert, den ich mitbekommen habe.

Hat auch die Umgebung für dich etwas mit diesem Gefühl zu tun?
Ja, auch die Orte der Heimat gehören zur eigenen Identität dazu. Bevor meine Oma väterlicherseits gestorben ist, habe ich mit ihr wichtige Orte ihres Lebens besucht. Und dann habe ich ihr noch für mich wichtige Orte gezeigt, zum Beispiel die sorbische Geburtenklinik des Malteserordens in Räckelwitz, in dem ich geboren bin. Das waren emotionale Momente, die ich nie vergessen werde.

Und an welchem Ort fühlst du dich heute mehr zu Hause? Berlin oder Wittichenau?
In Berlin lebe ich, die Lausitz ist meine Heimat. Zu Hause fühle ich mich an beiden Orten.

Vielen Dank für das Gespräch, Martin!

Beitragsbild: Martin Fröhlich hat sich viel mit seinen Wurzeln beschäftigt. (Foto: Martin Fröhlich)

alle Beiträge laden

Was wünschen Sie sich für das Schleifer Sorbisch?

Was man jetzt nicht erhält, wird auch in der Zukunft nicht mehr da sein. Jemand, der jetzt die Sprache spricht, sollte sie deswegen auch weitergeben. Denn jede Sprache ist ein Schatz, den wir bewahren sollten.
Juliana Kaulfürst
zum interview