„Klar, man kann auch später noch Sorbisch lernen…“

Wortwechsel mit Annika Jähn, Schülerin

Julianas Vater, bei dem wir in Schleife zu Besuch waren, hat als Jugendlicher aus eigenem Antrieb heraus Sorbisch gelernt. Es war ihm, wie er uns aus seinem Wohnzimmersessel heraus berichtete, sehr wichtig, diese Sprache zu lernen, um sich mit den Menschen in seinem Umfeld gut verständigen zu können.

 

Von: Vivien Simmel

Wir interessieren uns nun dafür, ob das heute auch noch so ist: Gibt es auch heute Jugendliche, die Sorbisch lernen, obwohl ihre Eltern nur Deutsch sprechen? Wir haben von Annika Jähn gehört und die 16-Jährige um ein Interview gebeten. Für dieses fuhren wir nach Wittichenau, ganz im Nordosten der Lausitz.

Dort treffen wir Annika in ihrer Schule, schwelgen in Kindheitserinnerungen und tauschen uns über Zukunftswünsche aus.

Liebe Annika, danke, dass du dir Zeit für ein Interview genommen hast. Du hast uns erzählt, dass du zu Hause nur Deutsch sprichst, aber trotzdem Sorbisch kannst. Wie kommt das?

Ich bin zu Hause mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. Meine Eltern haben mich dann aber auf einen sorbischen Kindergarten geschickt, weil sie die Sprache schön fanden und dachten, dass es toll ist, wenn ich als Kind mehrere Sprachen lerne. Dort habe ich dann Sorbisch gelernt.

Kannst du dich noch erinnern, wie du die Sprache gelernt hast?

Ich bin einfach in die Sprache hineingewachsen. Im Kindergarten haben wir viele Lieder und Gedichte auf Sorbisch gelernt und uns einfach immer auf Sorbisch unterhalten. Da habe ich die Sprache automatisch gelernt.

Annika Jähn
Annika vor ihrer Schule in Wittichenau (Foto: Redaktion)

 

Und lernst du heute auch noch Sorbisch in der Oberschule?

Ja, ich habe hier an der Oberschule Wittichenau Sorbisch als Unterrichtsfach. Das macht riesig Spaß, weil der Unterricht echt schön gestaltet ist. Wir machen auch Ausflüge, um die sorbische Sprache in der Region zu entdecken und anzuwenden.

Meinst du, dass man auch später noch Sorbisch lernen kann?

Klar, man kann auch später noch Sorbisch lernen. Ich kenne sogar Leute aus meiner Schule, die erst als Jugendliche Sorbisch gelernt haben. Wenn man Lust darauf hat, ist das auf jeden Fall möglich.

Was ist denn bei der sorbischen Sprache anders als bei der deutschen Sprache?

Manche Buchstaben werden mit Häkchen und Strichen geschrieben. Aber das hat man eigentlich schnell raus. Und ich muss zum Beispiel manchmal bei den Zahlen etwas länger überlegen, da die komplizierter gebildet werden als im Deutschen. Für mich kommt es aber nicht darauf an, die Sprache perfekt zu sprechen. Das Wichtigste ist, dass man sich verständigen kann und viel versteht.

An diesen Schulen wird Sorbisch gelehrt und gelernt.

In den sogenannten Witaj-Kindertagesstätten wird Sorbisch gesprochen.

Hier findest du Infomaterial zu den Witaj-Projekten:

Witaj Sprachzentrum

Findest du, dass jeder in der Region Sorbisch lernen sollte?

Jeder sollte für sich entscheiden, ob er Sorbisch lernen möchte. Ich kann aber für mich persönlich sagen, dass ich es cool finde, die Sprache zu verstehen. Wenn ich im Alltag etwas auf Sorbisch lese oder höre, weiß ich immer direkt, um was es geht. Die Sprache hat in unserer Gegend einfach Tradition. Deswegen möchte ich später auch in meinem Beruf Sorbisch sprechen.

Was möchtest du denn werden?

Ich möchte gern Krankenschwester werden. Bisher kann ich vor allem sorbische Wörter aus der Alltagssprache. Ich freue mich schon darauf, neue Wörter im Krankenhaus zu lernen, die ich dann nutzen kann, um mit den Patientinnen und Patienten auf Sorbisch zu sprechen.

Annika hat uns ihre Sicht auf die sorbische Sprache erzählt (Foto: Redaktion)

Und warum möchtest du mit den Patientinnen und Patienten auf Sorbisch sprechen, wenn alle auch Deutsch sprechen können?

Ich finde es beispielsweise gerade bei älteren Menschen schön, wenn man ein paar Wörter auf Sorbisch mit ihnen sprechen kann. Viele sind hier in der Region zuerst mit Sorbisch aufgewachsen. Wenn man dann ins Krankenhaus muss und es einem nicht gut geht, ist es doch schön, wenn jemand auch die Muttersprache versteht.

Das hört sich toll an. Wir wünschen dir für deinen beruflichen Weg viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Beitragsbild: Annika im Interview (Foto: Redaktion)

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Was wünschen Sie sich für das Schleifer Sorbisch?

Was man jetzt nicht erhält, wird auch in der Zukunft nicht mehr da sein. Jemand, der jetzt die Sprache spricht, sollte sie deswegen auch weitergeben. Denn jede Sprache ist ein Schatz, den wir bewahren sollten.
Juliana Kaulfürst
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