„Ich finde auf viele Arten Ausdruck.“

Wortwechsel mit Sophia Ziesch, DJane und preisgekrönte Filmschaffende

Sophia Ziesch wechselt wie selbstverständlich zwischen vier Sprachen. Ihre Mehrsprachigkeit kann die aus Nebelschütz stammende Künstlerin dabei gut gebrauchen. Mit uns hat sie über ihre kreativen Projekte und auch über die aktuelle Corona-Pandemie gesprochen. Denn die Türen der Berliner Clubs bleiben vorerst geschlossen.

Von: Vivien Simmel

Sophia, mit deiner Energie und deiner Muttersprache Sorbisch machst du Kunst. Was genau machst du da?

Ich mache das, wofür mein Herz schlägt. Und mein Herz schlägt unter anderem für Techno, Elektro und Hip-Hop – und eben auch für die sorbische Sprache. Beides kann ich verbinden, indem ich sorbische Liedtexte schreibe und gemeinsam mit meinem Freund in Musik umsetze. Das kommt an, denn viele empfinden Sorbisch irgendwie als süß oder niedlich, was mir gut ins Konzept passt. Als DJ lege ich unter dem Namen Ida Bux damit in Berliner Clubs auf und hebe mich so auf jeden Fall von anderen ab. Die Sprache wurde quasi zu meinem Alleinstellungsmerkmal.

Wegen der Coronavirus-Pandemie müssen aktuell auch die Clubs geschlossen bleiben. Was macht das mit der DJ-Szene?

Die aktuelle Situation aufgrund des Covid-19-Virus hat immense Folgen für Clubs und Artists. Die meisten Berliner Clubs können eine Zwangsschließung von drei Monaten nicht überleben und sind auf Hilfe angewiesen. DJs wird die Lebensgrundlage entzogen, da Gigs abgesagt werden. Somit sind auch viele Künstlerinnen und Künstler von einem Tag auf den anderen arbeitslos.

Was kann man tun, um die Clubs, aber auch die einzelnen Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen?

Clubcomission Berlin hat mit Arte Concert die Streaming-Plattform unitedwestream.berlin gegründet, auf der gegen Spenden jeden Abend aus einem anderen Club mit bekannten DJs gestreamt wird. Ähnliche Aktionen führen auch kleinere Clubs sowie Labels und Artists durch. Auch ich streame mit meinem Kollektiv DJ Sets oder Live Sessions, die man auf unserer Facebook-Seite, unserem YouTube-Kanal oder auf unserem Instagram-Account finden kann.
Womit der Szene gerade am meisten geholfen wird, ist, dass man an Spendenaktionen teilnimmt, Soli-Tickets kauft, Merch und Musik von Künstlerinnen und Künstlern kauft. In dieser Zeit, die für alle schwer ist, kommt es auf Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung an, damit wir bald alle wieder im echten Leben zusammenkommen und feiern können.

Neben der Musik bist du auch im Bereich Film künstlerisch unterwegs. Wie bist du zu deinem Filmprojekt gekommen und worum ging es da?

Alles begann mit meinem Praktikum beim Filmfestival in Cottbus. Dort habe ich erstmals davon gehört, dass es speziell für regionale Filmschaffende eine Lausitzer FilmSchau gibt. Ich interessierte mich allgemein schon lange für Dokumentarfilme und dachte mir: Da kann ich einfach mal etwas einreichen! Sofort war ich Feuer und Flamme und hatte auch schon eine Idee. Da mir aber das technische Know-how fehlte, habe ich meine Freundin Luisa Nawka gefragt, ob sie den Film gemeinsam mit mir realisieren möchte. Zusammen haben wir stundenlang an der Umsetzung und dem Feinschliff gearbeitet – der Kurzfilm ist zu einem richtigen Herzensprojekt von uns geworden. Wir haben uns für den Titel „SMY“ entschieden, was auf Deutsch „Wir sind“ bedeutet.

Was habt ihr mit eurem Film erzählt?

Wir haben fünf sehr unterschiedliche Personen aus der Lausitz gefunden und recht frei interviewt. Sie haben uns erzählt, was „sorbische Identität“ für sie persönlich bedeutet, in welche Lebensbereiche das ausstrahlt, wo man sich als Sorbin oder Sorbe zeigt, wo es vielleicht zu Hindernissen kommt und so weiter. Denn Sorbisch sein, das ist eine Definitionsfrage. Wir hatten viele unterschiedliche Protagonistinnen und Protagonisten schon in unserem sozialen Umfeld, die wir alle für den Film anheuern konnten. Luisa und ich verstehen uns selbst als Sorbinnen und wollen für die Bedeutung unserer Sprache und Kultur aktiv werden. Mit dem Film wollten wir letztlich auch zeigen, dass die sorbische Sprache noch nicht tot ist.

Sophia Ziesch spricht mehrere Sprachen und verfolgt mehrere Künste. (Foto: Redaktion)

Dafür habt ihr den Hauptpreis bekommen. Glückwunsch! Welche Rolle spielt die sorbische Sprache denn für dich im Alltag?

Ich bin mit Sorbisch als erste Sprache aufgewachsen. Mit einem Jahr habe ich dann auch Deutsch gelernt. Während der Schule kam Englisch, während meines FSJ auch Spanisch hinzu. Sorbisch ist für mich klar meine Muttersprache. Ich pflege sie heute mit meiner Familie und mit Freundinnen und Freunden, die ich aus der Region habe und die teilweise auch in Berlin, meiner Uni-Stadt, wohnen. Am Tag wechsle ich mehrmals zwischen den Sprachen hin und her: In der Uni Deutsch, mit meinem Freund Spanisch, mit meiner Mitbewohnerin Sorbisch. Es ist ein schönes Gefühl, auf so viele Arten Ausdruck finden zu dürfen.

Gibt es für dich Unterschiede zwischen den Sprachen?

Ich finde, mit jeder Sprache kommt ein gewisses Gefühl mit, also Dinge, die man in der jeweiligen Sprache besser ausdrücken kann. Man sieht die Welt und sich selbst auch ein bisschen anders. Deutsch ist zum Beispiel direkt und konkret, Spanisch tendenziell liebevoll und sehr ausschweifend. Sorbisch klingt nicht nur niedlich, sondern sieht die Welt auch so: Es ist eine sehr poetische Sprache mit vielen schönen Bildern und Wörtern – wenn man sie nur alle beherrschen würde. Mit jeder Sprache kommt auch eine Gemeinschaft einher. Außerdem ist Sorbisch für mich ein wenig wie eine Geheimsprache. Wenn mich mal jemand in Berlin nicht verstehen soll, spreche ich Sorbisch.

Hier findest du die offizielle Webseite des Filmfestivals Cottbus, bei dem Sophia beschloss, Filmemacherin zu werden.
Hier berichtet die Niederlausitz aktuelle von Sophias Preis der Lausitzer Filmschau.
Hier entlang geht es zu den Tracks von Sophia aka Ida Bux.

Die DJ Sets oder Live Sessions von Sophias Kollektiv kannst du auf Facebook, YouTube oder auf Instagram streamen.

Wenn du weißt, dass jemand Sorbisch beherrscht, sprichst du es dann mit ihr/ihm?

Das ist ein interessanter Punkt. Ich habe zum Beispiel mit meiner besten Freundin ganz lang Deutsch geredet, obwohl sie Sorbisch spricht. Erst seit zwei, drei Monaten sprechen wir Sorbisch miteinander. Das haben wir aktiv entschieden, um unsere Muttersprache zu pflegen. Wir wissen um den Diskurs über das Aussterben der Sorbischen Sprache. Deshalb ist es mir besonders wichtig, Sorbisch zu sprechen, wenn ich es kann. Denn letzten Endes ist es einfach eine Gewohnheit, in welcher Sprache man mit wem spricht. Oft hängt es damit zusammen, auf welcher Sprache man sich kennengelernt hat – so spricht man auch unter Sorben Deutsch.

Was würdest du dir für die sorbische Sprache wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Sorbinnen und Sorben selbst wieder mehr an ihre Sprache glauben. Wir sollten sie häufiger in der Kunst einbinden und uns über die Sprache ausdrücken, zum Beispiel in Filmen oder in der Musik. Damit wird sie lebendig und kann ihr Folklore-Bild loswerden. Sorbisch ist so viel mehr, was wir teilen sollten, weil wir es können.

 

Beitragsbild: DJ Sophia Ziesch aka Ida Bux (Foto: Sophia Ziesch)

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Was wünschen Sie sich für das Schleifer Sorbisch?

Was man jetzt nicht erhält, wird auch in der Zukunft nicht mehr da sein. Jemand, der jetzt die Sprache spricht, sollte sie deswegen auch weitergeben. Denn jede Sprache ist ein Schatz, den wir bewahren sollten.
Juliana Kaulfürst
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