Wenn Sorbisch wichtig wird: Mit Silvana im Altenheim St. Ludmila in Crostwitz

„Zufriedenheit ist ein hohes Gut, das man sich bewahren und an andere weitergeben sollte“, sagt Silvana. Die 39-jährige Frohnatur ist Pflegedienstleiterin im Caritas Altenheim St. Ludmila in Crostwitz und beeindruckt mich während unseres Telefoninterviews mit ihrem Tatendrang. Was Silvana zu einer echten Heldin der Lausitz macht, erfährst du hier.

Von: Vivien Simmel

Herzlich und mit einem offenen Lachen begrüßt mich Silvana am Telefon. Ich kann mir direkt vorstellen, wie schön es für die Bewohnerinnen und Bewohner des Caritasheims St. Ludmila sein muss, so am Morgen begrüßt zu werden. Das Altenheim in Crostwitz, in dem Silvana Anfang 2020 die Pflegedienstleitung übernommen hat, ist dabei ein ganz besonderes: Es ist das einzige Altenheim in der gesamten Lausitz, das zweisprachig ist. Fast das gesamte Personal spricht Sorbisch oder beherrscht ein paar Wörter der Sprache. Auch für Silvana persönlich ist das ein schöner Zusatz zu ihrer täglichen Arbeit: „Ich bin in Panschwitz- Kuckau zweisprachig aufgewachsen. Mein Vater hat mit uns Kindern Deutsch gesprochen, meine Mutter Sorbisch. In meinem Job beide Sprachen sprechen zu können, gibt mir ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit.“

Im hohen Alter und bei Krankheit: Sorbisch ist für die Menschen wichtig

Das Gefühl von Heimat und Geborgenheit ist auch den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altenheims wichtig. „Viele Angehörige erzählen uns, dass ihre Eltern oder Großeltern ganz explizit den Wunsch geäußert haben, ins St. Ludmila ziehen zu wollen. Die Sprache hat einen besonderen Stellenwert für die älteren Menschen. Wenn sie schon aufgrund einer Krankheit oder ihres hohen Alters in ein Altenheim ziehen müssen, dann ist es schön für sie, ihre Wurzeln bei uns noch weiterleben zu können“, erzählt Silvana.

Die Mutter zweier Söhne berichtet mit einer solchen Wärme über ihren Job, dass ich selbst von der Thematik ganz berührt bin. Ihr Einfühlungsvermögen zeigt sich auch bei meiner Frage, warum die Sprache im Alter noch so wichtig ist: „Gerade ältere Menschen erinnern sich gern an frühere Zeiten zurück – und da hatte die sorbische Sprache bei vielen hier in der Gegend einen festen Platz. Bei uns Wohnen aber auch Personen, die an Demenz erkrankt sind. Hierbei schwindet oft das Kurzzeitgedächtnis und die Menschen erinnern sich besser an ihre Kindheit oder jüngeren Jahre, in denen sie mit der Familie viel Sorbisch gesprochen haben. Dann sprechen sie auch zu uns in Sorbisch und es ist schön, sie dann abholen zu können, indem man in Sorbisch antwortet.“

Um im Altenheim beruflich durchzustarten, ist dies aber keine Voraussetzung, betont sie: „Unser Personal, das selbst kein Sorbisch spricht, grüßt die Bewohnerinnen und Bewohner zum Beispiel gern in Sorbisch. Aber alle können ja auch Deutsch. Bei uns im Team sind wirklich alle willkommen, die einfach tolerant sind und hier etwas bewegen wollen. Wir freuen uns über junge Menschen mit vielen Ideen, die wir sehr gern annehmen. Ob auf unseren Kanälen bei Instagram und Facebook oder im Kontakt mit den Menschen: Positive und kreative Impulse haben bei uns viel Raum.“

Gemeinsam statt einsam – Eine Atmosphäre zum Wohlfühlen

Im Altenheim wohnen aber nicht nur sorbische Muttersprachler, sondern auch viele, die die Sprache nicht sprechen. „Wir hatten dieses Jahr eine Dame zur sogenannten Verhinderungspflege für drei Wochen bei uns betreut. Nach einiger Zeit rief uns ihr Enkel an und berichtete, dass seine Oma nun ganz zu uns ziehen wolle – sie versteht kein Sorbisch, hat sich in unserer Gemeinschaft aber so wohl gefühlt“, berichtet Silvana. Mit der Offenheit für die Bedürfnisse der Menschen, dem Bewusstsein für ihre Sprache und den Bemühungen, ihnen ein Heimatgefühl zu vermitteln, entsteht diese Wohlfühlatmosphäre ganz automatisch – denke ich mir und bin sehr beeindruckt.

Altenheim St. Ludmila in Crostwitz
Altenheim St. Ludmila in Crostwitz

Sorbisch im Beruf – steigendes Bewusstsein für zweite Sprache der Lausitz

„Ich habe nicht den Eindruck, dass die Sprache ausstirbt. Im Gegenteil: Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, war es für viele schon cooler, nur Deutsch zu sprechen. Heute ist das anders. Ich erlebe viele junge Leute, die ein hohes Bewusstsein für die zweite Sprache der Lausitz haben und sich auch für ihren Erhalt einsetzen. Auch gibt es immer wieder tolle sorbische oder zweisprachige Angebote für alle Altersgruppen. Klar, man kann immer mehr tun. Aber ich finde, man darf ruhig auch zufrieden sein. Zufriedenheit ist ein hohes Gut, das man sich bewahren und an andere weitergeben sollte.“ Ihre Einstellungen, ihr Verständnis für junge und alte Menschen und nicht zuletzt ihr Engagement für die Lausitz und die sorbische Sprache machen Silvana für uns zu einer echten Heldin des Alltags. Silvana betont: „Alle hier im Team sind wahre Heldinnen und Helden und machen tagtäglich einen super Job. Wir schätzen jeden einzelnen und sind nur als Team unschlagbar.“

Hier findest du alle Infos zum Caritasheim St. Ludmila.

Dass ein Altenheim nicht langweilig ist, beweisen die Social-Media-Kanäle:

Beitragsbild: Für uns eine Heldin: Pflegedienstleitung Silvana Bjarsch. (Foto: privat/Silvana Bjarsch)

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Gibt es etwas, das du dir für die sorbische Sprache als Besonderheit der Lausitz wünschen würdest?

Es wäre schön, wenn das Interesse an der Sprache erhalten bleibt und auch bei Menschen geweckt wird, die in der Lausitz wohnen und die Sprache bisher noch nicht sprechen.
Lubina Jeschke
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