Sorbische Kinderlieder zum Maibaumwerfen: Ein Fest der Musik und Kultur

Das Maibaumwerfen ist in vielen Orten der Lausitz / Łužica ein Höhepunkt des Frühjahrs. In zahlreichen Dörfern kommen Menschen zusammen, um den Frühling zu begrüßen. Dabei werden sorbische Lieder gesungen und gemeinsam getanzt.  Damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen diese Lieder von Generation zu Generation weitergegeben werden. Genau hier setzt das Projekt „Sorbische Kinderlieder online“ an, das Lydia Matschie mit ins Leben gerufen hat.

Maibaumwerfen: Eine besondere Tradition

Wenn in der Lausitz / Łužica Maibaumwerfen gefeiert wird, geht es um weit mehr als um einen geschmückten Baum. Das Fest verbindet Dorfgemeinschaft, sorbische Sprache, Tracht, Tanz und Gesang – und damit genau jene Elemente, aus denen sich auch sorbische Tradition im Alltag speist.

Der Maibaum selbst ist meist ein 20 bis 30 Meter langer, geschmückter Stamm, der – pünktlich zu Walpurgis – am 30. April oder 1. Mai aufgestellt wird. In vielen Dörfern wird er danach bewacht, denn traditionell versuchen Jugendliche aus anderen Orten, ihn nachts zu fällen. Auch in Kindergärten und Schulen werden Maibäume aufgestellt – dort ohne Nachtwache, aber mit nicht weniger Vorbereitung: Kinder lernen Tänze, Gedichte und Reime, die dann vor Eltern und Gästen aufgeführt werden.  

In der Oberlausitz / Hornja Łužica gilt das Maibaumwerfen vielerorts als eigentlicher Höhepunkt des Brauchs. Gemeinsam wird gesungen und getanzt, bis der Maibaum schließlich fällt. Dann laufen die Jungen nach vorn: Wer zuerst die Krone erreicht und sich ein Fähnchen schnappt, ist Maikönig / mejski kral und darf seine Maikönigin / mejska kralowna unter den anwesenden Tänzerinnen wählen.

Zwei Mädchen in sorbischer Tracht beim Tanz zum Maibaumwerfen (Bild: Thomas Scholze / Tomaš Šołta)

Sorbische Lieder von klein auf

Sorbische Lieder gehören nicht nur zum Maibaumwerfen. Sie sind das ganze Jahr über präsent – in Familien, in Kindergärten und Schulen, in der Kirche und bei Festen und Bräuchen. Wer sie singt, gibt mehr weiter als nur eine Melodie: Auch Sprache, Kultur und Tradition schwingen immer mit.

„Die Lieder sind wirklich ein toller Zugang zum Sorbischen“, sagt Lydia Matschie, die als gebürtige Sorbin selbst seit Kindertagen singt. Gerade in Kindergärten beobachte sie das immer wieder, auch in Gruppen mit überwiegend deutschsprachigen Kindern. „Für diese Kinder sind Feste wie die Vogelhochzeit oder das Maibaumwerfen eine tolle Gelegenheit, sorbische Lieder vorzutragen.“ Warum das so gut funktioniert? „Direkt die aktive Sprache anzuwenden ist schwieriger, aber die Reimform bei Gedichten oder Liedern hilft den Kindern tatsächlich ungemein.“

Sie selbst wuchs von klein auf mit sorbischen Liedern auf. „Wir haben zu Hause auch immer Sorbisch gesprochen und gesungen, und das hat mich natürlich geprägt.“ Bereits in jungem Alter lernte sie das sorbische Lied als Chormitglied und später auch als Liedermacherin lieben und schätzen. Diese enge Bindung legte den Grundstein für die Plattform „Sorbische Kinderlieder online“.

Sorbische Kinderlieder online: Ein digitales Liederarchiv für den Alltag

Das Projekt „Sorbische Kinderlieder online“ hat 2020 beim Ideenwettbewerb des Sächsischen Mitmachfonds die Jury überzeugt und setzt sich seither dafür ein, sorbische Kinderlieder zu sammeln, zu produzieren und zu veröffentlichen. Das Ziel: den reichen Schatz sorbischer Kinderlieder weitertragen an Eltern, Erzieher, Lehrer und Kinder.  Lydia Matschie, freie Redakteurin im Sorbischen Rundfunk, hat das Projekt gemeinsam mit dem Komponisten und Musiker Frieder Zimmermann, der Logopädin Maria Matzke und dem Grafikdesigner Christian Schütz aufgebaut. Um die Plattform weiter auszubauen, möchte das Team neue Kooperationen eingehen und weitere Mitwirkende gewinnen.

„Am Anfang haben wir versucht, das Projekt vor allem in den Kindergärten publik zu machen. Das hat sehr gut geklappt. Eine Erzieherin hat sogar selbst die Initiative ergriffen und mit den Kindern Weihnachtskarten gebastelt, auf denen ein QR-Code zu einem Weihnachtslied auf unserer Seite war. Sowas ist immer toll.“

Die Inhalte der Plattform sind nach Themenbereichen strukturiert. Ob Feste und Bräuche, Jahreszeiten, Natur und Tier oder Wiegenlieder – für jeden ist etwas dabei. Besonders wichtig ist Lydia Matschie dabei, dass die Seite nicht nur für sorbischsprachige Familien gedacht ist. Ganz im Gegenteil: „Unsere Kinderliederseite richtet sich tatsächlich besonders an deutschsprachige Eltern, die sonst keinen Zugang zu sorbischer Kinderliteratur haben.“ Der Gedanke dahinter? Niedrigschwellige Angebote schaffen: „Die Eltern sollen ihr Handy schnell zur Hand nehmen können, die Melodie abspielen, und das Kind erkennt vielleicht sogar etwas aus dem Kindergarten wieder und steigt direkt ein.“

So klingt der Mai

Wer Lust auf eine Hörprobe hat und selbst schon mal das Tanzbein schwingen möchte, wird auf der Plattform fündig. Passend zum Maibaumwerfen haben Lydia Matschie und ihre Kollegen drei Lieder veröffentlicht, die Lust auf Frühling machen:

„Tanzlied / Stup dale“

„Tanzlied – Dreh dich / Wjertawki“

„Wo es grünt in den Bergen / Hdźež so módrja, zelenja“

Fünf obersorbische Vokabeln passend zum Maibaumwerfen

singen - spěwać

tanzen - rejować

Lieder - spěwy

gemeinsam feiern – zhromadnje swjećić

Frühling - nalěćo


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