Sorben in Texas: Wie Serbin zur Heimat in Amerika wurde
Von der Lausitz / Łužica / Łužyca nach Texas: Wie Serbin zur sorbischen Heimat in Amerika wurde
Ein Ortsname wie eine Erinnerung: Serbin liegt zwischen Austin und Houston, mitten in Texas. Wer heute die dortige Kirche St. Paul betritt, steht in einem Gebäude von 1871. Auf dem Friedhof findet sich neben englischen und deutschen auch eine sorbische Inschrift. Wenige Schritte entfernt erzählt ein Museum von Menschen, die vor mehr als 170 Jahren die Lausitz verließen. Sie nahmen ihren Glauben, ihre Sprache und die Hoffnung auf ein besseres Leben mit über den Ozean.
Logo der Texas Wendish Heritage Society & Museum (Sammlung Trudla Malinkowa)
Warum Menschen die Lausitz / Łužica / Łužyca verließen
Die meisten Auswanderer gingen aus wirtschaftlichen Gründen. In den landwirtschaftlich geprägten sorbischen Dörfern fehlten Arbeit und verfügbares Land. In Übersee lockte dagegen eigener Grundbesitz. Neue Eisenbahnverbindungen erleichterten die Reise zu den Häfen in Hamburg und Bremen. Seit 1846 war auch Bautzen / Budyšin an das Bahnnetz angeschlossen und wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt der obersorbischen Auswanderung. Über Jahrzehnte begaben sich von hier immer wieder Gruppen von Auswanderungswilligen auf die Reise.
Bei den großen Gruppen der 1850er-Jahre kam der Wunsch nach religiöser Freiheit hinzu. Eine prägende Persönlichkeit der konservativen lutherischen Kreise war Jan Kilian: Pfarrer, Dichter und Übersetzer religiöser Texte ins Sorbische. Er betreute altlutherische Gemeinden in Weigersdorf / Wukrančicy und Klitten / Klĕtno, die sich von der unierten Staatskirche abgespalten hatten. Amerika verband sich für viele deshalb mit der Hoffnung, Land zu besitzen und den eigenen Glauben selbstbestimmt zu leben.
Erst Australien, später Texas
Das erste große Ziel sorbischer Auswanderer lag auf der anderen Seite der Erde. Ab 1848 zogen Gruppen aus der Oberlausitz / Hornja Łužica nach Australien. Die größte mit 92 Menschen reiste 1851 auf der „Helena“ nach Adelaide. Die Einwanderer ließen sich jedoch über mehrere Regionen verteilt und meist gemeinsam mit Deutschen nieder. Eine zentrale sorbische Kolonie entstand nicht. Nur in Ebenezer in Südaustralien gab es zunächst sorbische Gottesdienste und Schulunterricht. Andernorts blieb die Sprache vor allem auf Familien und private Andachten beschränkt.
Schlechte Nachrichten aus Australien änderten die Richtung der Auswanderung. 1853 brachen sieben Familien mit insgesamt 35 Personen aus Weigersdorf / Wukrančicy und Klitten / Klětno unter der Leitung des sorbischen Pfarrers Jan Kilian nach Texas auf. Ihre positiven Berichte machten das neue Ziel attraktiv. Im Frühjahr 1854 gründeten Auswanderungswillige einen Verein und beriefen Jan Kilian zum Pfarrer auch in ihrer neuen Heimat Serbin. Damit begann der größte Auswanderungszug in der Geschichte der Sorben.
Fast 600 Menschen auf der „Ben Nevis“
1854 gingen nahezu 600 Sorben aus der preußischen und sächsischen Oberlausitz / Hornja Łužica an Bord der „Ben Nevis“. Unter der geistlichen Führung des sorbischen Pfarrers Jan Kilians suchten sie in Texas einen Neuanfang für sich und ihre Familien.
Das Schiff „Ben Navis“ (Sammlung Trudla Malinkowa)
Die Überfahrt wurde zur Katastrophe: Cholera und andere Krankheiten breiteten sich aus, 81 Menschen starben. Familien verloren Angehörige, noch bevor das neue Leben begonnen hatte. Wer Texas erreichte, musste nach dieser gefährlichen Reise eine Siedlung von Grund auf aufbauen.
Eine Siedlung namens Serbin
1855 kaufte die Gruppe Land im Bastrop County zwischen Austin und Houston. Jan Kilian nannte die neue Siedlung Serbin – abgeleitet von „Serbja“, der sorbischen Selbstbezeichnung. Texas wurde zum wichtigsten Ziel weiterer obersorbischer Auswanderer und Serbin zur zentralen sorbischen Kolonie in Übersee.
Bis in die 1880er-Jahre folgten mehrere hundert Sorben aus der sächsischen und preußischen Oberlausitz / Hornja Łužica. Rund um Serbin entstanden weitere Siedlungen mit sorbischer Bevölkerung, darunter Fedor, Warda, Giddings, Lincoln, Winchester, Manheim und Loebau. Manche Namen erinnerten direkt an die Lausitz / Łužica / Łužyca: Warda wurde etwa nach Wartha / Stróža bei Guttau benannt. Der zunächst Hochkirch genannte Ort erhielt später den Namen Noack.
Serbin wuchs und gewann an Bedeutung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte jedoch der wirtschaftliche Niedergang ein – auch, weil der Ort keinen Eisenbahnanschluss erhielt.
Kirche, Schule, Sprache – und Konflikte
Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens war die lutherische Kirche. Jan Kilian schloss sich 1855 der Missouri-Synode an, die Serbiner Gemeinde folgte 1866. Damit wurde Kilian zum Gründungsvater und Serbin zur Muttergemeinde der lutherischen Kirche der Missouri-Synode in Texas.
Konflikte blieben nicht aus. 1858 spaltete sich die Gemeinde wegen unterschiedlicher religiöser Auffassungen. 1870 folgte eine zweite Trennung infolge eines sorbisch-deutschen Nationalitätenkonflikts. Über Jahrzehnte bestanden deshalb zwei Gemeinden nebeneinander: St. Paul und St. Peter – jeweils mit eigenem Pfarrer, Lehrer und eigenen Gebäuden.
Kirche St. Paul in den Jahren 1859 und 1871 (Sammlung Trudla Malinkowa)
In St. Paul wurde Sorbisch bewusst gepflegt. Auf Jan Kilian folgten als Pfarrer sein Sohn Hermann Kilian und später Hermann Schmidt. Gottesdienste und Unterricht fanden auf Sorbisch statt. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften kamen aus Bautzen / Budyšin nach Texas. 1899 gründete Johann Proske im nahen Giddings das „Giddings Deutsches Volksblatt“, das gelegentlich sorbische Beiträge und Berichte aus der Lausitz veröffentlichte. In seiner Druckerei erschien 1909 eine Agende, das einzige in Übersee gedruckte sorbische Buch.
Vom Sorbischen zum Deutschen zum Englischen
In den ersten Jahrzehnten blieb Sorbisch die wichtigste Alltagssprache in den Siedlungen. Dauerhaft ließ sie sich jedoch nicht bewahren. 1905 fand in Serbin die letzte sorbische Konfirmation statt. Spätestens 1916 endete der sorbische Schulunterricht, 1920 wurden die sorbischen Gottesdienste eingestellt.
Der Sprachwechsel verlief schrittweise: zunächst vom Sorbischen zum Deutschen, nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zum Englischen. Von älteren Menschen waren vereinzelt noch bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts Reste des Sorbischen zu hören. Die Sprache verschwand aus dem Alltag – das Wissen um die Herkunft aber blieb. Gerade in Serbin hielt es sich stärker als in den verstreuten australischen Siedlungen.
Als die Nachfahren wieder nach ihren Wurzeln fragten
Briefe und gelegentliche Besuche hielten die Verbindung zur Lausitz / Łužica / Łužyca zunächst auf privater Ebene lebendig. Zwei Weltkriege und der Kalte Krieg ließen viele Kontakte abreißen. In Serbin setzte dennoch eine historische Rückbesinnung ein. 1934 erschien in Texas die erste Gesamtdarstellung über die sorbische Auswanderung nach Australien und Texas. Weitere englischsprachige Veröffentlichungen folgten.
1972 gründeten fünf Frauen auf Initiative der Autorin Lillie Moerbe Caldwell den Wendish Culture Club. Daraus ging 1977 die Texas Wendish Heritage Society hervor, die heute mehr als tausend Mitglieder zählt. Seit 1980 betreibt sie in Serbin ein Museum. Ausstellung, Archiv und Bibliothek bewahren Dokumente, Gegenstände und Familiengeschichten der texanischen Sorben.
Was heute noch da ist
Obwohl in Serbin heute nicht mehr sorbisch gesprochen wird, sind die Spuren der Herkunft bis heute sichtbar. Die 1871 errichtete Kirche St. Paul dient weiterhin der Gemeinde, auf den Friedhöfen in Serbin und Warda sind die beiden einzigen Grabmale mit sorbischer Inschrift in Übersee erhalten. Das Texas Wendish Heritage Museum erzählt die Geschichte der Auswanderer, der vereinseigene Verlag veröffentlicht Bücher zur sorbischen Kulturgeschichte auf Englisch.
Texas Wendish Heritage Museum in Serbin, Texas (Sammlung Trudla Malinkowa)
Seit 1989 besuchen jährlich etwa tausend Menschen das Wendish Fest in Serbin. Gelegentlich treten dort auch Kulturgruppen aus der Lausitz auf. In der Concordia University in Austin erinnert eine 1854 in Kleinwelka / Mały Wjelkow gegossene Glocke an die Auswanderer der „Ben Nevis“. Eine Straße auf dem Campus trägt den Namen Jan Kilians. Weitere Denkmäler und Gedenktafeln wie auch eine Ausstellung an der Universität in San Antonio erinnern ebenfalls an die sorbische Geschichte in Texas.
Die Vogelhochzeit – Ptači kwas – in Texas 2015 (Sammlung Trudla Malinkowa)
Nach 1989/90 sind neue Verbindungen zwischen Familien, Kirchgemeinden, Vereinen und sorbischen Organisationen entstanden. Seit 1999 ist die Texas Wendish Heritage Society mit der Domowina verbunden. Aus der Auswanderungsgeschichte ist wieder eine lebendige Beziehung über den Atlantik geworden.
5 obersorbische Vokabeln passend zur sorbischen Auswanderung in die USA
Auswanderung — wupućowanje
Heimat — domizna
Reise — jězba
Hoffnung — nadźija
Erinnerung — dopomnjeće
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text entstand in enger Zusammenarbeit mit Trudla Malinkowa, die ihre Forschungsschwerpunkte in der Geschichte der evangelischen Sorben sowie der sorbischen Auswanderung nach Übersee hat. Weitere Informationen zum Thema finden Interessenten in der Publikation: Trudla Malinkowa, Ufer der Hoffnung. Sorbische Auswanderer nach Übersee, 4. Auflage, Domowina-Verlag Bautzen 2023.
Trudla Malinkowa: Shores of Hope. Wends Go Overseas, The Wendish Press, Serbin, Texas, 2023.