Schauspielerin, Sorbin und Sprachbewahrerin: Božena Bjarsch

Die Schauspielerin Božena Bjarsch findet ihre Stimme zwischen Tanz und Schauspiel. Ein Portrait über Identität, die Kraft der Sprache und die Frage: Was bedeutet Heimat wirklich?

„Ich bin eine sorbisch-deutsche Schauspielerin.“

Wenn Božena Bjarsch diesen Satz sagt, klingt er selbstverständlich. Kein Zusatz, keine Erklärung – einfach eine Tatsache. Doch hinter dieser schlichten Selbstbeschreibung verbirgt sich weit mehr: eine kulturelle Verwurzelung, die sie durch ihr ganzes Leben trägt, ein Privileg, wie sie selbst sagt, und eine Verantwortung.

Für Božena ist ihre sorbische Herkunft kein folkloristisches Beiwerk, sondern der Kern ihrer künstlerischen Arbeit. Auf der Bühne, vor der Kamera, in jeder Rolle schwingt etwas mit, das tiefer geht als das Schauspielern: die Verbindung zu einer Sprache, die nur wenige sprechen, zu einer Kultur, die um Sichtbarkeit ringt. „Wir sind ja nicht viele. Die Sichtbarkeit ist noch nicht so, dass man sagen könne, es gäbe viele sorbische Schauspieler.“ Aber gerade das macht es umso bedeutsamer.

Schauspielerin Božena Bjarsch macht sorbische Sprache und Kultur sichtbar und lebt sie ganz selbstverständlich im Alltag. (Bild: Janine Guldener)

Ein Stück nach Hause kommen

Das künstlerische Schaffen wurde Božena in die Wiege gelegt. Heute am Sorbischen Nationalensemble zu arbeiten, fühle sich an wie nach Hause zu kommen. Schon ihre Großeltern lernten sich im Ensemble kennen. Genau dort, wo sie für das Ballettmärchen „Der kleine Pfannkuchen” probte, das im November Premiere hatte. Ihr Opa gehörte ab 1952 zu den Tänzern des neugegründeten Ensembles und blieb 15 Jahre auf der Bühne, bevor er ins künstlerische Betriebsbüro wechselte. Ihre Oma glänzte als Gesangssolistin. Božena begleitete ihre Großeltern häufig nach Bautzen/ Budyšin und erlebte früh Veranstaltungen wie Adventsfeiern und Kinder-Vogelhochzeiten.

Gesang, Schauspiel und Tanz sind für sie Familientradition. Als Jugendliche tanzte Božena im Sorbischen Folkloreensemble Wudwor, das ihr Opa mitbegründet hatte. Sein Gedanke: „Wir brauchen was für die Jugend auf dem Dorf!“ Dort stand sie zum ersten Mal mit Live-Orchester auf der Bühne.

Auch als Jugendliche tanzte Božena im sorbischen Folkloreensemble Wudwor. (Bild: Sorbisches Folkloreensemble Wudwor)

„Witaj“ – Willkommen in Boženas Welt

„In der Oberlausitz / Hornja Łužica liegen die Wurzeln meines Seins”, sagt Božena über ihre Heimat. Es sei so selbstverständlich, die eigene Sprache ohne Nachdenken zu sprechen, sich frei zu bewegen und die Oma an der Ecke auf Sorbisch zu grüßen. Es sei dieser Mikrokosmos, in dem man sich kenne, selbst wenn nicht jeder Sorbisch spräche.  „Wir sind eine riesengroße Familie”, sagt Božena. „Immer kennt irgendeiner irgendjemanden, der mit jemandem verbandelt ist.” Im Alltag spricht sie mit ihren Eltern ausschließlich Sorbisch. Mit Freunden aus der Schulzeit ebenso. „Da gibt's, wenn man sich länger nicht sieht, immer den ‚sorbischen Podcast‘ auf WhatsApp zum späteren Abhören.”

Božena, in sorbischer Tracht, in zwei Momenten ihres Lebens. (Bilder: Božena Bjarsch)

Die sorbischen Traditionen pflegt sie bis heute. Sie trägt die sorbische Tracht zu besonderen Anlässen. „Da muss ich mir keinen Kopf machen, alles ist schon da.“ Ihr Lieblingsfest: Ostern. „Ich liebe die Ostergesänge sehr, das hat etwas Magisches.“ Diese Momente, wenn alte Lieder erklingen, wenn die Gemeinschaft zusammenkommt – etwas Besonderes.

Doch Božena weiß auch: Tradition darf nicht erstarren. Die sorbische Sprache und Kultur sollten sich weiterentwickeln und offen bleiben für Veränderung. „Einfach weitermachen, gucken, was geht“, sagt sie. „Um dann stärker wieder zurückzukehren.“

Der Weg auf die Bühne

Die sorbische Sprache hat auch Boženas beruflichen Werdegang von Anfang an geprägt. Als sie sich an Schauspielschulen bewarb, sang sie ein Lied auf Sorbisch. „Das wurde immer sehr positiv aufgenommen“, erinnert sie sich. Später, während ihrer Ausbildung, sang sie mit einer Kollegin Duette auf Sorbisch in Sommertheaterstücken. „Das Schönste war, wenn auch Zuschauer aus der Lausitz / Łužica dabei waren, die die sorbischen Worte wiedererkannt haben.“

Die Lausitz / Łužica auf die Leinwand zu bringen: Diese Chance ergab sich mit ihrer ersten großen Kinorolle als Maike Weigel im Film „Ein Feuerwerk für die Kleinstadt”. Die Rolle war für sie mehr als ein Filmprojekt. Neun Drehtage mit dem sorbischen Regisseur Erik Schiesko in der Lausitz. „Das schafft Sichtbarkeit und zeigt: Hey, wir haben eine richtig tolle Gegend“, sagt Božena. „Es gibt so viele schöne Spots.”

Božena als Maike Weigel im Film „Ein Feuerwerk für die Kleinstadt”. (Bild: LUSATIA FILM)

Sie wünscht sich, dass mehr sorbische Filme gedreht werden. Die Erfahrung, praktisch zu Hause zu filmen, beeindruckte sie. „Ich habe vorher immer gedacht, sorbische Filme und Stücke sind von unseren Leuten für unsere Leute.” Sie merkte schnell: „Das ist eigentlich für alle. Das soll jeder sehen.”

Aktuell spielt sie den Kater des Kochs aus dem Ballettmärchen „Der kleine Pfannkuchen“ am Sorbischen Nationalensemble. Eine Figur, die mit Gesang, Tanz und Sprache durch das Stück führt und dabei mühelos zwischen Sorbisch und Deutsch wechselt. Einen ausführlichen Einblick in die Probenarbeit und Boženas Rolle als Kater gibt es hier.

Die nächste Aufführung findet am 23. Dezember in Bautzen statt. Tickets gibt es noch online hier: Sorbisches National-Ensemble Bautzen: Der kleine Pfannkuchen

5 obersorbische Vokabeln zum Thema Schauspiel

Bühne - jewišćo

Heimat - domizna

Sprache - rěč

Tänzer/Tänzerin - rejowar/rejowarka

Schauspieler/Schauspielerin - dźiwadźelnik/dźiwadźelnica


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