Měrćin Weclich hält eine Rede

Měrćin Weclich – Ein Leben für die sorbische Sprache und Musik

Měrćin Weclich ist sorbischer Musiker und Komponist. Seit seiner Kindheit lebt er die sorbische Sprache und Kultur mit Leidenschaft. Für sein Lebenswerk wurde er nun mit dem Ćišinski-Preis, der höchsten Auszeichnung auf dem Gebiet der sorbischen Kultur, Kunst und Wissenschaft, geehrt.

Sorbisch ist seine Heimat – in der Sprache, in der Musik und im Herzen. Noch bevor unser eigentliches Gespräch beginnt, bittet Měrćin Weclich um Nachsicht: Auf Deutsch müsse er manchmal nach Worten suchen. Dieser Moment verrät viel über den Mann, der sein Leben der sorbischen Musik verschrieben hat. Dafür wurde der er nun mit der höchsten Auszeichnung der Sorben, dem Ćišinski-Preis, geehrt.

Sorbische Sprache und Kultur von Kindesbeinen an

Měrćin Weclich wurde am 28. Oktober 1957 in Worklecy / Räckelwitz geboren – zu einer Zeit, in der Sorbisch fester Bestandteil im Alltag der Menschen in der Oberlausitz war. „Von klein auf kannte ich ausschließlich die sorbische Sprache“, erinnert er sich. Erst im Kindergarten lernte er Deutsch – nicht durch Lehrer, sondern durch die anderen Kinder. „Wir haben von ihnen Deutsch gelernt und sie von uns ein bisschen Sorbisch.“

Die Zweisprachigkeit war fortan Teil seines Lebens, doch das Sorbische blieb für ihn immer sprachliche und kulturelle Heimat. Nicht zuletzt, weil er es von klein auf von zu Hause so gewohnt war. Er erinnert sich, dass seine Mutter stets die sorbisch-katholische Tracht trug. „Das war ihre Alltagskleidung. Ich kannte meine Mutter gar nicht anders.“

Für Weclich ist die sorbische Sprache mehr als nur ein Kommunikationsmittel, sie ist eine Lebensform. „Sorbisch ist meine Muttersprache und ich lebe sie mit all ihren Bildern, Facetten und Traditionen.“ Seine Liebe für das Sorbische möchte er an kommende Generationen weitergeben. Denn nur so, davon ist er überzeugt, bleibt die Seele dieser Sprache und Kultur lebendig.

Sorbischer Musikant „herc“ durch und durch

Mit dreizehn Jahren stand Weclich zum ersten Mal auf der Bühne. Schon damals sang er sorbische Volkslieder auf Hochzeiten und begleitete sich auf dem Akkordeon. Er lacht, wenn er von sich als „Straßenköter mit Akkordeon“ spricht – jemand, der die Musik im Herzen trägt und den Menschen immer nah geblieben ist.

So auch in den 1980er-Jahren, als er mit seiner Band „Taifun“ durch die DDR tourte und dabei ebenfalls Station im Ausland machte – unter anderem in Bulgarien, Tschechien und dreimal an der Druschba Erdgastrasse im Ural. Mehr als 1.200 Auftritte kamen von 1981 bis 1992 zusammen. „Wir haben auf Hochzeiten und Dorffesten gespielt, Programme begleitet und Tanzabende von Görlitz bis Freital gestaltet“, erinnert sich Weclich.

Bis heute hat Měrćin Weclich circa 700 sorbische Lieder und musikalische Szenen komponiert, die von zahlreichen sorbischen Solisten und Chören interpretiert wurden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Oratorien Wětrnik (...und ewig weht der Wind) und Hrodźišćo (Burgwall) sowie ein Liederzyklus "Bohu swjećene lěto" (Gott geweihtes Jahr).

Sorbisch? Na klar!

Dass er fast ausschließlich in sorbischer Sprache singt, sei für ihn selbstverständlich. Zweimal habe er versucht, in einer Musikproduktion auf Deutsch zu singen – und es schnell wieder gelassen. „Da wäre es mir gegangen wie meiner Mutter, wenn sie versucht hätte, sich deutsch und nicht sorbisch zu kleiden. Nach einer Stunde hätte sie sich wieder umgezogen.“

Měrćin Weclich bei der Verleihung des diesjährigen Ćišinski-Preises (Bild: Serbske Nowiny/Bojan Benić)

Sprache und Musik gehören für Weclich untrennbar zusammen. „Melodien und Texte bilden eine Einheit“, sagt er. Was sorbische Musik für ihn ausmacht, sind die markanten Silben, die poetischen Metaphern und der Klang der Sprache selbst – all das verleiht einem Lied seine sorbische Seele.

Zugleich bleibt Weclich offen für neue Einflüsse: Jazz, Rock oder Pop empfindet er nicht als Gegensatz, sondern als Bereicherung. „Musik und Sprache entwickeln sich weiter und das ist auch gut so. Aber vor allem bei Liedern und Gedichten muss man darauf achten, dass die Sprache akkurat bleibt.“

Talenteförderung: Neue Stimmen für das Sorbische

Neben seiner kreativen Arbeit liegt ihm vor allem die Talenteförderung am Herzen. „Wir haben einen großartigen Nachwuchs an Musikern und begabten Sängern. Und wenn sie meine Hilfe brauchen, dann helfe ich sehr, sehr gern.“ Ende letzten Jahres hat er mit 19 Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse der Ćišinski Schule in Pančicy-Kukow / Panschwitz-Kuckau zwei Songs für den sorbischen Rundfunk des MDR aufgenommen.

Mĕrčin Weclich 2017 bei einer Aufnahme für den sorbischen Rundfunk MDR (Bild: Mĕrčin Weclich)

Er beobachtet, wie sich Zeiten und Lernweisen verändern. So sei die Geduld der Kinder nicht mehr wie vor 20 Jahren, die Konzentration jedoch deutlich höher als früher. „Die Zeiten ändern sich, aber die sorbische Sprache lebt und ist lebendig – und das ist das Allerwichtigste.“

Die Oberlausitz als Heimat

Ob solo, mit Band oder als Mentor – eines ist bis heute geblieben: seine Nähe zu den Menschen. „Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich mir gut überlegen, wann“, sagt er. „Ich komme sonst kaum nach Hause, weil mich unterwegs jeder anspricht.“ Weclich ist fest in der Region verwurzelt, kennt und begleitet die Menschen dort seit Jahrzehnten.

Wegzugehen war für ihn nie eine Option. Seine Wurzeln liegen in der Oberlausitz – in der Sprache, im Glauben und in den Menschen, die ihn seit Kindertagen begleiten. „Für mich gibt es nichts anderes – und das ist auch gut so.“

Ćišinski-Preis 2025 für sein Lebenswerk

Für sein außergewöhnliches Engagement für die sorbische Sprache und Kultur wurde Měrćin Weclich am 18. Oktober im Bildungsgut Schmochtitz St. Benno mit dem Ćišinski-Preis ausgezeichnet – der höchsten Ehrung, die die Stiftung für das sorbische Volk zu vergeben hat. Der Preis, benannt nach dem Dichter Jakub Bart-Ćišinski, ist mit 12.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre für besondere Verdienste um die sorbische Kultur verliehen.

Staatsministerin Barbara Klepsch und Měrćin Weclich (Bild: Serbske Nowiny/Bojan Benić)

„Ich hätte damit nie gerechnet“, sagt Weclich über den Moment, in dem er von seiner Auszeichnung erfuhr. „Ich bin allein schon geehrt, ein Publikum zu haben und dadurch Anerkennung zu bekommen. Das wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich das verinnerlichen kann.“ Bei der Preisverleihung betont Barbara Klepsch, Staatsministerin für Kultur und Tourismus, wie wichtig das Engagement von Menschen wie Měrćin Weclich für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur ist. Der Ćišinski-Preis, so Klepsch, mache „den kulturellen Reichtum und die Vielfalt des sorbischen Volkes in besonderer Weise sichtbar.“

Die sorbische Seele lebt – ein Ausblick

An Ruhestand denkt der 68-Jährige noch lange nicht. Im Jahr 2026/2027 soll sein neues Werk „Wulkotna woda – Lyrik und Musik“ („Wundersames Wasser“) uraufgeführt werden. Das Projekt vereint Musik, Sprache und Bilder. Weclich schrieb dafür die Melodien zu den Texten der sorbischen Dichterin und Lyrikerin Róža Domašcyna. Der sorbische Fotograf Matthias Bulank gestaltet eine passende Fotoinstallation. „Die Partituren sind fertig“, erzählt Weclich. Aufführen wird das Werk voraussichtlich die 1. serbska kulturna brigada, das Jugendensemble des sorbischen Gymnasiums in Bautzen zusammen mit dem Orchester des Sorbischen National-Ensembles.

Für Weclich ist das ein gutes Zeichen und ein Beweis dafür, dass die sorbische Kultur immer wieder neue Formen findet. „Die sorbische Seele lebt und ich werde das alles noch so lange machen, wie es funktioniert. Wenn’s nicht mehr funktioniert, dann mach ich’s auch nicht mehr“, sagt er und lacht.

Wir wünschen ihm dafür alles Gute!

Fünf sorbische Vokabeln passend zum Thema:

  • jewišćo - Bühne

  • myto – Preis

  • přiklesk - Applaus

  • hudźba - Musik

  • narěč - Rede


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