Julian Nyča – Sprache leben, Wissen teilen

Für Julian Nyča ist Sorbisch mehr als eine Sprache – es ist ein Stück Identität, das er Schritt für Schritt für sich entdeckt hat. Er engagiert sich dafür, dass Sorbisch im Alltag, in der Bildung und im digitalen Raum erlebbar ist und bleibt. Für sein Engagement wurde er nun mit dem Ćišinski-Förderpreis ausgezeichnet.

Julian Nyča – Sprache leben, Wissen teilen

Julian Nyča wurde 1988 in Bautzen/Budyšin geboren. Dort besucht er die Grundschule, später das Gymnasium. Sorbisch spielte in seiner Kindheit kaum eine Rolle. „Mein Großvater war Sorbe, aber in der Familie haben wir nur Deutsch gesprochen“, erzählt er. „Mein Vater hat gar keinen Bezug zum Sorbischen. Meine Mutter war zwar auf einer sorbischen Schule, hat aber nie Sorbisch zu sprechen gelernt, weil ihr Vater mit ihr kein Sorbisch gesprochen hat.“

Das Sorbische war für ihn anfangs eine Erinnerung an vergangene Zeiten. „Ich bin mir meiner Wurzeln schon bewusst. Klar erinnere ich mich an Fotos meiner Urgroßmutter in Tracht, aber das ist nichts, was wir als Familie aktiv gelebt hätten.“ Für ihn war Sorbisch vor allem etwas, das sich in den umliegenden Dörfern wiederfand. „Das war einfach nicht meine Welt“, erinnert er sich.

Über Wikipedia zum Sorbischen

Erst als Jugendlicher beginnt sich das zu ändern. Mit 16 lernt Nyča Sorbisch – aus Neugier, aber ebenso aus familiärer Verbundenheit. „Ich hatte sorbische Freunde und wusste, dass das Sorbische auch in meiner Familiengeschichte eine Rolle spielt.“ Grund genug, es selbst zu versuchen.

Damals schrieb er bereits an der deutschen Wikipedia mit – oft mit engem Bezug zur Lausitz, nicht selten auch über die sorbische Sprache und Kultur. Dadurch kam er in Kontakt mit einer Freundesgruppe, die plante, eine sorbische Wikipedia zu starten. Das Ziel: Zweisprachigkeit fördern und Sorbisch sichtbarer machen – beides Dinge, die Nyča noch heute antreiben.

 „Damals war mein Sorbisch noch nicht besonders gut. Ich habe anfangs vor allem bei Formalia geholfen – das konnte man ja auch ohne Sprachkenntnisse. Aber mit jedem Artikel, den ich bearbeitete, habe ich mehr gelernt“, erinnert er sich. „Ich war ein klassischer Autodidakt. Irgendwann wächst man automatisch hinein.“

Als Julian Nyča begann, sich intensiv mit der sorbischen Sprache zu beschäftigen, dachte er noch lange nicht an eine spätere Auszeichnung mit dem Juleis (Bild: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Zum Studium nach Berlin

Nach dem Abitur zieht Nyča nach Berlin, um slawische Sprachen und Kulturen an der Humboldt-Universität zu studieren. Die Entscheidung hatte zunächst weniger mit dem

Sorbischen zu tun, sondern vielmehr mit seiner Faszination für slawische Sprachen und Kulturen. „Wir waren früher oft in Slowenien und Kroatien, später auch in Bosnien – das hat mich neugierig gemacht. Aber klar, ein Slawistik-Studium hilft immer auch mit dem Sorbischen, gerade weil die Grammatik zum Beispiel sehr ähnlich ist. “

Nach seinem Bachelorabschluss blieb er der Humboldt-Universität treu und schloss einen Master mit dem Schwerpunkt auf Kulturen und Literaturen Mittel- und Osteuropas an. „Ich wollte keine reine Sprachwissenschaft studieren, sondern eher verstehen, wie Sprache und Kultur miteinander verwoben sind.“ Einen festen Berufswunsch hatte er zu dieser Zeit nicht.

„Ich habe einfach geschaut, wohin es mich führt“. Spoiler: zurück in die Heimat.

2014 wird Julian Nyča in den Stiftungsrat der Stiftung für das Sorbische Volk gewählt – ein Zeichen seiner wachsenden Verbundenheit mit der Sprache. Sein Sorbisch ist inzwischen fließend und fester Bestandteil seines Alltags. „Ich habe dann irgendwann angefangen, nicht nur sorbisch zu lesen und zu sprechen, sondern auch auf Sorbisch zu schreiben.“ Nach seinem Studium kehren er und seine Frau – selbst Sorbin – Berlin den Rücken. „Wir wussten irgendwann, dass wir gern wieder zurück möchten.“

Sorbisch im digitalen Raum: Sotra & OpenStreetMaps

Zurück in der Heimat arbeitete Nyča als Redakteur bei der sorbischen Kulturzeitschrift Rozhlad. Parallel engagierte er sich in mehreren Projekten, die alle ein Ziel hatten: mehr Sichtbarkeit für das Sorbische, vor allem im digitalen Raum. Eines dieser Projekte ist Sotra, ein Online-Übersetzer für Ober- und Niedersorbisch, an dessen Aufbau Nyča maßgeblich beteiligt war. Das Programm soll Sprachbarrieren im digitalen Raum abbauen. „Viele Sorben arbeiten oder kommunizieren in gemischtsprachigen Gruppen. Mit Sotra können sie jetzt ganz selbstverständlich auch mal auf Sorbisch schreiben – die anderen verstehen es trotzdem.“

Ein weiteres Herzensprojekt: OpenStreetMap – eine Datenbank, ähnlich wie Wikipedia, nur für Geodaten. Dort ist Nyča für die erste sorbische Online-Karte verantwortlich. „Ich habe die ganzen sorbischen Straßennamen, Ortsnamen, Wälder, Flüsse und Felder eingearbeitet.“ Für ihn geht es dabei vor allem darum, Wissen frei zugänglich zu machen. „Das ist eine ganz große Chance für uns, weil dann am Ende eben keine Konzerne darüber entscheiden, welche Sprachen wichtig genug sind und welche nicht“. Wikipedia, OpenStreetMap, Übersetzer – all das seien Orte, an denen Sprache lebt und lebendig bleibt.

ZARI: Sprache leben und lehren

Heute arbeitet Julian Nyča bei ZARI, einem Projekt zur Revitalisierung der sorbischen Sprache und Kultur in der Lausitz. Dort leitet er den Bereich Sprachbildung und verantwortet unter anderem den neunmonatigen Intensivkurs „DOMOJ“. „Ich gestalte das Programm und gewinne neue Teilnehmende.“ Ab und an unterrichtet er selbst – beispielsweise am Grammatik-Mittwoch, an dem die Teilnehmenden alles rund um die sorbische Grammatik lernen.

„Mittlerweile gibt es Tage, an denen ich nur Sorbisch spreche und kein Wort Deutsch.“ Zudem engagiert er sich dafür, Sorbisch im Alltag wieder hörbarer zu machen. Eines seiner jüngsten Projekte: zweisprachige Ansagen im ÖPNV. „Wir haben rund 800 Haltestellen im zweisprachigen Gebiet, aber gut die Hälfte ist geschafft.“ Für ihn sei viel gewonnen, wenn Kinder und Jugendliche auf ihrem Schulweg jeden Tag ein bisschen Sorbisch hörten.

Dass das Interesse an der Sprache wächst, merkt Nyča täglich. „Wir müssen keine Teilnehmenden mehr suchen – wir müssen offene Stellen besetzen.“ Die Nachfrage sei groß, die Kurse seien oft ausgebucht. Das führe er nicht nur auf ZARI zurück, sondern auf eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung: „Sorbisch ist sichtbarer geworden – durch zweisprachige Beschilderung, Medienprojekte und Kampagnen wie „Sorbisch? Na klar!“. Das alles zeigt Wirkung.“

Anerkennung für Engagement – der Ćišinski-Förderpreis

Für seinen außergewöhnlichen Einsatz für das Sichtbarmachen der sorbischen Sprache im digitalen Raum wurde Julian Nyča nun mit dem Ćišinski-Förderpreis geehrt. Der Preis, benannt nach dem Dichter Jakub Bart-Ćišinski, ist mit 4.000 Euro dotiert. Er gilt als höchste Ehrung der Stiftung für das Sorbische Volk und wird alle zwei Jahre für besondere Verdienste um die sorbische Kultur und Sprache verliehen.

v.l.n.r.: Julian Nyča (Ćišinski-Förderpreis), Měrćin Weclich (Ćišinski-Preis) und Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch bei der Preisverleihung im November 2025 in Schmochtitz/Smochćicy (Bild: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

„Ich habe mich sehr gefreut, natürlich“, sagt er über den Moment, als er von seiner Nominierung erfuhr. „Wikipedia oder Projekte wie Sotra macht man nicht, um Preise zu gewinnen. Man macht sie, weil man es wichtig findet und es Spaß macht. Und trotzdem ist es schön, wenn jemand sagt: Wir sehen das, was du tust, und schätzen es wert.“

Besonders freut ihn die Würdigung ehrenamtlicher Arbeit: „Ich finde es schön, dass damit das Thema frei zugängliches Wissen in sorbischer Sprache sichtbar gemacht wird. Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz überall präsent ist, ist es wichtig zu zeigen, dass hier echte Menschen gemeinsam daran arbeiten, Informationen frei nutzbar zu machen.“

Julian Nyča steht damit für eine Generation, die das Sorbische nicht nur bewahrt, sondern weiterdenkt – als Sprache, die lebt, sich verändert und geteilt wird.

5 passende sorbische Vokabeln zum Thema

Digitalisierung - digitalizacija

Preisträger - lawreat myta

Freunde - přećeljo

Computer - kompjuter

Ehrenamt - čestne zastojnstwo


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