Ein Leben fürs Theater – Eveline Günther und das Deutsch-Sorbische Volkstheater in Bautzen / Budyšin
Wenn Eveline Günther von sich selbst spricht, tut sie das mit einer Mischung aus Humor und Selbstironie: „Ich bin hier das Theaterfossil im Moment. Ich diene diesem Haus im 44. Jahr.“ Ein Satz, der zeigt, wie lange die geschäftsführende Dramaturgin das Deutsch-Sorbische Volkstheater in Bautzen / Budyšin schon mitgestaltet. 2026 beginnt ihre letzte Spielzeit vor der Pensionierung. Mit uns blickt sie zurück auf ihren Weg, der von Neugier, Sprache, Liebe zum Theater und einem tiefen Respekt vor kultureller Vielfalt geprägt ist.
Von Dresden nach Prag: Der Weg zum Theater
1957 geboren in Dresden, besuchte sie dort auch die Erweiterte Oberschule. „Tschechisch wurde als dritte Fremdsprache angeboten. Ich entschied mich dafür und habe zusätzlich Russisch und Englisch gelernt.“ Vor ihrem Abitur wurde sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, im Ausland zu studieren. „Ich musste zwei Länder angeben und habe mich für die Tschechische Republik und Ungarn entschieden.“ Wenig später erhielt sie die Zusage und begann ein Slawistikstudium an der Karlsuniversität in Prag.
„Mit der Zeit kam meine heimliche Theaterliebe durch und ich habe festgestellt, dass man an der Karlsuniversität auch Theaterwissenschaften studieren kann.“ Kurzerhand entschied sie sich für den Wechsel und begann 1977 ihr Studium der Theater- und Filmwissenschaften und der Bohemistik, also der tschechischen Sprache und Literatur. Gerade in der DDR, wo Bildungs- und Berufswege häufig vorgegeben waren, sei dieser Schritt alles andere als selbstverständlich gewesen, erinnert sie sich.
Einmal Bautzen / Budyšin. Immer Bautzen / Budyšin.
1979, im vierten Semester, ging sie für ein Praktikum nach Bautzen / Budyšin ans Theater. „Ab da haben mich die Sorben eingefangen“, erzählt sie lachend. „Ich fand das dort toll und echt interessant, vor allem natürlich das Slawische.“ Zwischenzeitlich wollte man sie an die Landesbühne nach Dresden oder an die Universität nach Berlin schicken – Eveline Günther lehnte ab. „Ich habe gesagt: Nö, ich will nach Bautzen.“
Es war nicht allein die Arbeit am Theater, die sie nach Bautzen / Budyšin zog – mittlerweile war sie auch privat eng mit der Stadt und dem Theater verbunden. „Mein Mann war der deutsch-sorbische Schauspieler, Regisseur und Autor Michael Lorenz / Michał Lorenc.“
Glücklich nach einer erfolgreichen Lesung mit ihrem verstorbenen Ehemann Michael Lorenz / Michał Lorenc (Foto: Eveline Günther)
Nachdem sie ihr Studium 1982 mit Diplom abgeschlossen hatte, standen also alle Zeichen auf Oberlausitz. Im selben Jahr kehrte sie tatsächlich nach Bautzen / Budyšin zurück, bekam eine Tochter und nahm ihre Arbeit als Schauspieldramaturgin am Deutsch-Sorbischen-Volkstheater auf. „Und dann bin ich halt in Bautzen hängen geblieben.“
Eveline Günther als junge Bautzener Dramaturgin 1989 (Bild: Eveline Günther)
Sorbisch verstehen, ohne es zu sprechen
Obwohl Eveline Günther selbst kein Sorbisch spricht, ist sie dieser Sprache eng verbunden. Sie kann sie lesen und versteht vieles, antwortet aber meist auf Deutsch – nicht aus Ablehnung, sondern aufgrund ihrer persönlichen sprachlichen Erfahrung: Für sie persönlich lassen sich die Phonetik des Tschechischen und des Sorbischen nur schwer verbinden.
„Die Sprache war nie ein Problem. Ich konnte Tschechisch und Deutsch. Manche am Theater Sorbisch und Deutsch, manche ausschließlich Deutsch. Aber man hat sich immer irgendwie verstanden.“ Zum Slawischen und insbesondere zum Tschechischen pflege das Theater schon lange enge Kontakte. „Man muss ja auch beachten, dass die kleine Minderheit der Sorben nicht jedes Jahr drei sorbische Regisseure oder Dramaturgen hervorbringt.“
Privat spielt das Sorbische für Eveline Günther ebenfalls eine Rolle, wenn auch eine untergeordnete. „Ich bin ein Stadtmensch, konfessionell nicht gebunden. Klar fährt man mal zum Osterreiten, aber dann eher als Besucherin.“ Dass ihre Tochter eine sorbische Schule besuchte, war ihr allerdings wichtig. „Die ganze Region in und um Bautzen ist bikulturell. Und ich finde es wichtig, dass man als Deutscher das Sorbische kennenlernt und sich damit auseinandersetzt. Das ist eine unglaubliche Bereicherung für unsere Gegend.“
Arbeit am zweisprachigen Theater
Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen / Budyšin ist einzigartig: Es ist deutschlandweit das einzige zwei- beziehungsweise dreisprachige Berufstheater. Dort existieren deutsche, ober- und niedersorbische Inszenierungen nebeneinander, manchmal miteinander, immer aber in gegenseitigem Respekt. Mehr zur Geschichte des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen erfahren Sie in unserem Magazin.
Konzeptionsprobe und Premiere des Stücks “Widerstand” von Autor Lukas Rietzschel und Regisseur Jan Jochymski (Bilder: Eveline Günther)
Von den derzeit 20 festangestellten Schauspielerinnen und Schauspielern sprechen neun Sorbisch. Um Nachwuchs zu gewinnen, setzt das Theater seit 1994 auf das Eleven-Studio. Dort erhalten junge Sorbinnen und Sorben ab 18 Jahren die Möglichkeit, für eine Spielzeit als Eleven Einblicke in den Beruf und in den Theateralltag zu erhalten.
Was macht eine gute Dramaturgin aus?
„Die Grundeigenschaft eines Dramaturgen ist Neugier.“ Auf Menschen, auf ihre Geschichten, ihre Konflikte und Träume. Neugier auf den Zeitgeist – und die Fähigkeit, daraus Kunst abzuleiten. Dabei unterscheiden sich die Planungen für das deutsche und für das sorbische Theater deutlich.
Immer offen für Neues: Werbefoto für „ Die Känguru Chroniken” im Theatergarten 2025 (Foto: Roman Koryzna)
Im deutschen Spielplan gebe es mehr Freiraum und umfangreichere Möglichkeiten zum Experimentieren, erzählt Eveline Günther. Im sorbischen Bereich hingegen sei die Verantwortung deutlich größer: Mit begrenzten Ressourcen gelte es, möglichst viele Menschen zu erreichen – emotional, intellektuell und kulturell. Reine Unterhaltung komme für sie nicht infrage. „Theater muss berühren – das Herz und den Verstand“ – so Günthers Devise.
Inszenierungen, die bleiben
In mehr als vier Jahrzehnten hat Eveline Günther unzählige Produktionen begleitet. Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihr etwa die monumentale „Wendische Schifffahrt“ von Kito Lorenc – ein sechs- bis siebenstündiges Stück, das sich mitunter satirisch mit der deutsch-sorbischen Geschichte der Lausitz auseinandersetzt.
Oder „Schierzens Hanka“, das die Geschichte von Annemarie Schierz, einer katholischen Sorbin jüdischer Herkunft, erzählt. Grundlage des Stückes ist die sorbischsprachige Novelle „Židowka Hana“ von Jurij Koch aus den 1960er-Jahren. „Das Stück war extrem emotional und hat einige Besucher zu Tränen gerührt.“ Beide Stücke stehen in besonderer Weise für die gelebte Bikulturalität des Theaters.
Eveline Günther bei ihrer Arbeit im Deutsch-Sorbischen Volkstheater (Foto: Eveline Günther)
Hoffnung setzt sie in die jungen Schauspieler, in neue Ideen, in die Leidenschaft der Menschen vor und hinter der Bühne. „Wir haben bis jetzt alle Krisen gemeistert“, sagt Eveline Günther augenzwinkernd und blickt optimistisch in die Zukunft.
Eveline Günther bleibt dem Theater verbunden: Seit 2003 kuratiert sie im Burgtheater die Matinee-Reihe „Lausitzer Literatur vorMittag“ mit Frühstück, bei der einmal monatlich an einem Sonntag Literatur deutscher und sorbischer Autorinnen und Autoren vorgestellt wird. Auch die Audiodeskription für blinde Besucherinnen und Besucher bei ausgewählten Vorstellungen gehört weiterhin zu ihren Aufgaben.
MatineeReihe „Lausitzer Literatur vorMittag“: Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš stellt sein Buch „Gebrauchsanweisung für Bier“ – vor. Dazu gibt es Lausitzer und sorbische Biere, darunter Krabatbier aus Wittichenau / Kulow und Crostwitzer Pils vom Biohof Ignac Wjela (Bild: Eveline Günther)
Einmal im Jahr findet zudem auf der großen Bühne des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters eine Vorstellung für 250 bis 300 tschechische Schülerinnen und Schüler statt, bei der Eveline Günther die tschechische Übertitelung organisiert und live ausführt. „Also, so ganz ohne Theater geht es halt nicht.“
Für die letzte Spielzeit und die Zeit danach wünschen wir ihr alles Gute!
Beitragsbild: Deutsch-Sorbisches Volkstheater in Bautzen / Budyšin
5 sorbische Vokabeln passend zu Eveline Günthers Zeit am Theater
Studium - studij
Dramaturgie - dramaturgija
Kreativität - kreatiwita
Zweisprachigkeit – dwurěčnosć
Leidenschaft - horliwosć