Carola Holdts Weg zum Sorbisch Sprechen

Für die 66-Jäh­rige aus Spohla / Spale gehö­ren die Zwei­spra­chig­keit und die sor­bi­schen Tra­di­tio­nen zum Leben. Das war aber nicht immer so. Jetzt hilft sie mit, den 20. Sor­bi­schen Hei­mat­tag vor­zu­be­rei­ten.

Wie Carola Holdt ein jah­re­lan­ges Trauma über­wun­den hat

Hinweis: Dieser Artikel stammt aus der Sächsischen Zeitung und wurde von Andreas Kirschke geschrieben.

In der klei­nen Runde von „Bje­sada – O bis O“ in Ber­gen / Hory, einem Orts­teil der Gemeinde Elster­heide / Halštrowska Hola, wird gelacht, erzählt und vor allem gespro­chen: Sor­bisch. Von Okto­ber bis Ostern trifft sich die Gruppe regel­mä­ßig, um die Spra­che leben­dig zu hal­ten – nicht per­fekt, son­dern gemein­sam. Mit­ten­drin sitzt Carola Holdt aus Spohla / Spale. Für die 66-Jäh­rige ist die Spra­che weit mehr als ein kul­tu­rel­les Erbe. Sie ist ein Stück zurück­ge­won­nene Iden­ti­tät.

„Wich­tig sind uns das aktive Spre­chen, Ver­ste­hen und Hören – auch wenn Feh­ler pas­sie­ren“, sagt sie. Ent­schei­dend sei das Mit­ein­an­der. Unter­stützt wird die Gruppe von Leh­re­rin Bri­gitte Räß­ler, die ihre Teil­neh­mer ermu­tigt, Hem­mun­gen abzu­le­gen. Gemein­sam besucht die Runde sor­bi­sche Ver­an­stal­tun­gen: das Jol­ka­fest in Nuck­nitz / Nuknica, den Sor­bi­schen Abend in Lohsa / Łaz, die Vogel­hoch­zeit in Schleife / Slepo, Got­tes­dien­ste in Baut­zen / Budyšin oder Thea­ter­auf­füh­run­gen in der Region. „Uns alle ver­bin­det die Liebe zur Spra­che“, sagt Carola Holdt.

Doch der Weg dort­hin war für sie lang: Auf­ge­wach­sen ist sie im Dorf Sei­de­win­kel / Židźino. Zwar war ihr dama­li­ger Leh­rer Sorbe, doch gespro­chen wurde in der Schule Deutsch. „Ver­mut­lich war es die Folge der Nazi­zeit, als seine Mut­ter­spra­che ver­bo­ten wurde“, sagt Holdt nach­denk­lich. Die Angst und Scham, sich offen zum Sor­bi­schen zu beken­nen, hät­ten viele Fami­lien geprägt – auch ihre eigene.

Zwar ver­stand sie als Kind die Spra­che, aktiv gespro­chen wurde zuhause jedoch nie. „Kei­ner führte mich an die Spra­che heran“, erin­nert sie sich. Das Schwei­gen habe tiefe Spu­ren hin­ter­las­sen. „Sehr tief war das Trauma ver­an­kert.“

Bild: Arturo_Anez (Pixabay)

Inter­esse für Sor­bisch war immer vor­han­den

Trotz­dem blieb die Ver­bin­dung zur sor­bi­schen Kul­tur beste­hen. Ab der zwei­ten Klasse lernte sie Sor­bisch bei Bri­gitte Räß­ler, spä­ter bei Leh­rer Lothar Kopke. Gleich­zei­tig ent­deckte sie ihre Begei­ste­rung für Trach­ten, Bräu­che und Tra­di­tio­nen.

Ein Erleb­nis prägte sie beson­ders: 1972 besuchte der dama­lige boli­via­ni­sche Prä­si­dent Hugo Ban­zer Suárez Sei­de­win­kel / Židźino. Die zwölf­jäh­rige Carola durfte den Staats­gast in sor­bi­scher Fest­tags­tracht beglei­ten.

„Natür­lich in der sor­bi­schen Natio­nal­tracht, was der Gast spür­bar bewun­derte“, erzählt Carola Holdt bis heute stolz.

Mit den Jah­ren wuchs ihre Lei­den­schaft für die sor­bi­sche Kul­tur wei­ter. Sie nahm am Zam­pern teil, fei­erte Dorf­fe­ste, erlebte das Mai­baum­wer­fen und pflegte die Tra­di­tio­nen ihrer Hei­mat. Beruf­lich führte ihr Weg zunächst nach Anna­b­urg und spä­ter nach Wei­mar, wo sie Finan­z­öko­no­min wurde. Danach arbei­tete sie in Ber­gen in der Buch­hal­tung einer land­wirt­schaft­li­chen Ein­rich­tung.

Doch die Sehn­sucht nach der eige­nen kul­tu­rel­len Ver­wur­ze­lung blieb. Schon früh stand für sie fest, dass sie eines Tages selbst in sor­bi­scher Tracht hei­ra­ten wollte. Im Jahr 1980 wurde die­ser Wunsch Wirk­lich­keit: Gemein­sam mit ihrem Mann Lutz fei­erte sie in Sei­de­win­kel Hoch­zeit – mit 120 Gästen.

Eine ent­schei­dende Wende kam jedoch erst Jahre spä­ter. Nach dem Umzug auf den Vier­sei­ten­hof ihres Man­nes in Spohla / Spale begeg­nete sie Lubina Dučmanowa. Die lang­jäh­rige Leh­re­rin ermu­tigte sie, Sor­bisch nicht nur zu ver­ste­hen, son­dern auch zu spre­chen. „Durch sie erfuhr ich Wert­schät­zung, Tole­ranz und Weltof­fen­heit“, sagt Carola Holdt dank­bar. „Sie hat in mir wie­der die Liebe zur Spra­che erkannt, belebt und geför­dert.“

Erst dadurch habe sie das jahr­zehn­te­lange Gefühl über­wun­den, das Sor­bi­sche ver­drän­gen zu müs­sen. Heute enga­giert sich Holdt selbst dafür, dass Spra­che und Tra­di­tion wei­ter­le­ben. Sie gehört der Domo­wina-Ortsgruppe Spohla / Spale an und bewahrt einen klei­nen Fun­dus sor­bi­scher Trach­ten. Damit klei­det sie junge Mäd­chen und Frauen zu beson­de­ren Anläs­sen ein.

Beson­ders sicht­bar wird die­ses Enga­ge­ment beim bevor­ste­hen­den 20. Sor­bischen Evan­ge­li­schen Hei­mat­tag der Region Hoy­ers­werda / Wojerecy, der gemein­sam mit dem 80. Sor­bi­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag im Juni statt­fin­det. Seit Lan­gem berei­tet Carola Holdt den Hei­mat­tag gemein­sam mit einem 20-köp­fi­gen Orga­ni­sa­ti­ons­team vor.

Mit ihrer Toch­ter Anja lei­tet sie außer­dem eine Tanz­gruppe mit rund 30 Kin­dern und Jugend­li­chen im Alter zwi­schen zwei und 20 Jah­ren. Geübt wer­den tra­di­tio­nelle Tänze wie die Anne­ma­rie-polka, der Schu­ster­tanz oder der Rhein­län­der. Für den Hei­mat­tag pro­ben die Kin­der bereits inten­siv.

Das halbe Dorf hilft bei Vor­be­rei­tun­gen

„Die Jugend im Ort wird in sor­bi­scher All­tags­tracht auf den Bei­nen sein und die Besu­cher bewir­ten“, erzählt Carola Holdt vol­ler Vor­freude. Die Schul­kin­der wol­len den Bän­der­tanz um den Mai­baum zei­gen, die Frauen in Fest­tags­tracht am Abend­mahl teil­neh­men.

Das halbe Dorf hilft mit: Die Feu­er­wehr unter­stützt beim Auf- und Abbau, Jugend­li­che fer­ti­gen Schmuck und Deko­ra­tio­nen in den sor­bi­schen Far­ben Blau, Rot und Weiß an. Fami­lien kochen und backen gemein­sam – wie frü­her.

Für Carola Holdt ist all das weit mehr als Brauch­tums­pflege. Es ist ein sicht­ba­res Zei­chen dafür, dass die Spra­che, die einst ver­drängt wurde, wie­der ihren Platz im All­tag fin­det.

„Wir freuen uns auf frohe Begeg­nun­gen, auf das feste Bekennt­nis unse­res Glau­bens, auf die Viel­falt der Trach­ten“, sagt sie. Vor allem aber freue sie sich „auf Got­tes Wort in unse­rer sor­bi­schen Mut­ter­spra­che“.

5 obersorbische Vokabeln passend zu Carola Holdt und ihrem Weg zur sorbischen Sprache

Lehrer / Lehrerin – wučer / wučerka

Unterstützung - podpěra

Verbundenheit - zwjazanosć              

Scham - hańba

Engagement - angažement

Titelbild: uNreaL_Photographie (Pixabay)


nach oben