75 Jahre sorabistische Forschung: Das Sorbische Institut Bautzen / Budyšin

Von sorbischer Umgangssprache über historische Handschriften und digitale Wörterbücher bis zum lebendigen Kulturerbe: Das Sorbische Institut / Serbski institut erforscht seit 75 Jahre die sorbische Sprache, Kultur und Geschichte. Aus diesem Anlass feiert es in diesem Jahr sein Jubiläum.

Gemeinsam mit der Vorgängereinrichtung, dem Institut für sorbische Volksforschung (1951-1991), blickt das Sorbische Institut / Serbski institut auf eine bemerkenswerte Entwicklung zurück. Ganze siebeneinhalb Jahrzehnte wurden der Sprache, Geschichte und Kultur der Lausitzer Sorben und der vergleichenden Minderheitenforschung gewidmet – und das auf eine Weise, die in der deutschen und europäischen Wissenschaftslandschaft einzigartig ist.

Über das Sorbische Institut / Serbski institut

Das Sorbische Institut / Serbski institut ist eine von sechs außeruniversitären geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Sachsen, mit Sitz in Bautzen / Budyšin und zwei Standorten in Cottbus / Chóśebuz. Zum Institut gehören die Sorbische Zentralbibliothek und das Sorbische Kulturarchiv am Standort in Bautzen mit öffentlichem Lesesaal.

Damit gelten sie als einzige Spezialsammlungen für sorbisches und sorabistisches Bibliotheks- und Archivgut. Man könnte sie quasi als das sorbische Nationalarchiv und die sorbische Nationalbibliothek bezeichnen.

Finanzielle Unterstützung erhält das Institut mit Bibliothek und Archiv  durch eine institutionelle Förderung der Stiftung für das sorbische Volk.

Die beiden Institutsgebäude in Bautzen / Budyšin (links) und Cottbus / Chóśebuz (rechts). In Cottbus / Chóśebuz nimmt das Sorbische Institut eine Etage im Wendischen Haus ein, in dem noch weitere sorbische Institutionen untergebracht sind. (Bild: Sorbisches Institut) 

Sorabistik vor Ort – Wissenschaftler erzählen über ihre Forschungen

Als Teilbereich der Slawistik ist die Sorabistik die Wissenschaft von der Sprache, Literatur, Geschichte und Kultur der Sorben. Genau das bringt das Institut im Jubiläumsjahr nun direkt in die Region: mit der neuen Reihe „Sorabistik vor Ort" mit rund 40 Angeboten.

Das Konzept: Die Mitarbeitenden des Instituts präsentieren ihre Forschungsergebnisse vor Ort bei Vereinen, Museen, Heimatstuben, Schulen und anderen kulturellen Einrichtungen in Sachsen und Brandenburg. Und das Beste: für Anreise und Honorare entstehen keine Kosten.

Mit Vorträgen, Filmabenden, Führungen, Stadtrundgängen und Mitmachformaten zu Kunst, Kultur und sprachlichen Besonderheiten in der Lausitz / Łužica will das Institut seine Forschungen greifbar machen. Das Programm ist breit gefächert und reicht von historischem True Crime über sorbische Ostereier bis hin zu sorbischem Rap.

Neues Angebot: Sorabistik vor Ort mit mehr als 40 Veranstaltungen (Bild: Sorbisches Institut) 

Interesse geweckt? Dann füllen Sie einfach das Kontaktformular unter der Veranstaltung Ihrer Wahl aus und teilen Ihre Wunschtermine mit – der Referent oder die Referentin meldet sich dann bei Ihnen. Einzelne Angebote können jedoch nur im Institut in Bautzen / Budyšin stattfinden, da es um die Bestände von Bibliothek und Sorbischem Kulturarchiv geht.

Rund 70 Projekte pro Jahr

Die Themen am Sorbischen Institut / Serbski institut haben sich über die Jahre verändert, sind aber weiterhin sehr vielfältig. Jährlich bearbeitet das Institut rund 70 Forschungsprojekte und Vorhaben. Möglich macht das eine hohe Drittmittelquote, die das Institut mit viel Aufwand und Expertise regelmäßig einwirbt.

Besonders freut sich das Institut beispielsweise über aktuell gleich zwei Forschungsprojekte, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden – in der deutschen Forschungswelt eine Auszeichnung. Die zwei Projekte beschäftigen sich zum einen mit der sorbischen Nachkriegsgeneration der Jugendlichen, die für ihre Ausbildung die Heimat verließen, und zum anderen mit der sorbischen Umgangssprache.

Ein weiteres aktuelles Beispiel: Das Sorbische Institut / Serbski institut evaluiert seit drei Jahren die zweisprachigen sorbisch-deutschen 2plus-Schulen. Regelmäßig werden die Sprachkompetenzen der Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen an 16 Schulen festgestellt. Dabei geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um Qualität, passende Unterrichtsmaterialien und langfristigen Spracherhalt.

Ergebnispräsentation der Evaluation der zweisprachigen sorbisch-deutschen 2plus-Schulen (Bild: Tomaš Šołta) 

Die drei Forschungsbereiche

Das Forschungsprofil des Instituts gliedert sich in drei Fachabteilungen:

  • Die Abteilung Sprachwissenschaft (rěčespyt) beschäftigt sich mit den beiden sorbischen Schriftsprachen Ober- und Niedersorbisch sowie anderen sorbischen Dialekten.  Schwerpunkte der Arbeit sind Sprachdokumentation, Lexikologie und Lexikografie. Zuletzt umfassend dokumentiert wurden ebenfalls das traditionelle gesprochene Niedersorbische sowie das sogenannte „Schleifer Sorbisch“.

  • Die Abteilung Kulturwissenschaften (kulturne wědomosće) widmet sich der Geschichte und der Kultur der Sorben in all ihren Facetten. Im Fokus stehen sowohl prägende Persönlichkeiten und Ereignisse als auch der heutige Umgang mit Vergangenheit, kulturellem Erbe und gesellschaftlichem Wandel in der Lausitz / Łužica.  

  • Die drittmittelfinanzierte Abteilung Regionalentwicklung und Minderheitenschutz (škit mjeńšinow) arbeitet politik- und praxisbezogen. Sie untersucht die Auswirkungen des Strukturwandels in der Lausitz / Łužica auf die sorbische Gemeinschaft und entwickelt Anpassungsstrategien. Damit bringt das Institut die sorbische Perspektive in gesellschaftliche Prozesse wie den Strukturwandel und die Revitalisierung von Sprache ein.

Weltweit einzigartig – und sogar přichodokmany

Mit über 110.000 Büchern und Zeitschriften, rund 685 laufenden Metern Akten sowie mehr als 80.000 Fotos, 2.200 audiovisuellen Medien und zahlreichen weiteren Dokumenten verfügen die Sorbische Zentralbibliothek und das sorbische Kulturarchiv über die weltweit größte Sammlung an Quellen und Medien zur sorbischen Sprache, Geschichte und Kultur. Zahlreiche dieser Medien sind bereits digitalisiert. Informieren Sie sich gern im Virtuellen Lesesaal.

Einblick in das Magazin der Sorbischen Zentralbibliothek (Bild: Sorbisches Institut) 

Zahlreiche Regale mit Büchern zur sorbischen Sprache, Geschichte und Kultur (Bild: Madlen Domaschke) 

Lesen vor Ort: Im Leseraum des Sorbischen Kulturarchivs (Bild: Sorbisches Institut) 

Digitalisierung ist für das Sorbische Institut / Serbski institut zentral – nur so bleibt man přichodokmany, zukunftsfähig. Das Institut setzt sich federführend dafür ein, dass sorbische Kulturdaten digital erfasst werden. Dies ist gar nicht so einfach: Das sorbische Kulturerbe ist zwar reich und vielfältig, aber breit gestreut über die gesamte Lausitz / Łužica und darüber hinaus. Zahlreiche Objekte liegen – bislang ausschließlich analog – in Archiven, kleinen und großen Museen, Heimatstuben und teilweise in Privatsammlungen.

Am 3D-Scanner werden zahlreiche Kulturdaten digitalisiert (Bild: Sorbisches Institut) 

Um alles für kommende Generationen einfacher zugänglich zu machen, hat das Sorbische Institut / Serbski institut angefangen, ein sorbisches Kulturregister zu erstellen. Dies ist ein umfassender Katalog, der das Wissen über die sorbische und wendische Kultur zentral, standardisiert sichert und online recherchierbar machen soll.

Minderheitenschutz

Mit seiner Arbeit trägt das Institut aktiv zum Erhalt der sorbischen Sprache bei – dies vor allem aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel. Wörterbücher, in Buchform und zunehmend auch als digitales Nachschlagewerk sowie Tonaufnahmen und zweisprachige Sprachportale wie obersorbisch.de, niedersorbisch.de und das Wissensportal sorabicon.de erhöhen die Sichtbarkeit des Sorbischen und zeigen Sprache modern und zugänglich.

Doch Minderheitenschutz bedeutet mehr als Sprachdokumentation. Das Institut verbindet Forschung mit Praxis: Es berät Schulen, Kulturinstitutionen und Behörden und evaluiert Sprachprogramme.

Das Jubiläumsjahr 2026

Das Jubiläumsjahr steht unter dem Motto „Wir feiern, indem wir Wissen teilen". 75 Jahre sorabistische Forschung – das ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch zum Dank. Ohne diese Einrichtung wäre vieles von dem, was heute zur sorbischen Kultur gehört, womöglich nicht erforscht und damit vielleicht nicht bewahrt worden. Es ist ein lebendiger Ort, an dem Zukunft gestaltet wird – přichodokmany eben.

Jubiläumskarten anlässlich 75 Jahren sorabistischer Forschung (Bilder: Sorbisches Institut) 

Fünf obersorbische Vokabeln passend zum Sorbischen Institut / Serbski institut

zukunftsfähig - přichodokmany

Forschungseinrichtung - slědźenišćo

Sprachwissenschaft - rěčespyt

Kulturwissenschaften - kulturne wědomosće

Minderheitenschutz - škit mjeńšinow

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