600 Jahre Theatergeschichte: Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen / Budyšin
Das Deutsch-Sorbische Volkstheater in Bautzen / Budyšin ist weit mehr als eine Bühne für Schauspiel, Oper und Tanz. Es ist ein Ort, an dem sich Geschichte, Sprache und Identität begegnen – und zu dem viele Bautzenerinnen und Bautzener eine besondere Bindung haben.
Mit etwa 1.000 Veranstaltungen jährlich und mehr als 150.000 Gästen ist das Theater nicht nur fester Bestandteil des städtischen Lebens, sondern auch weit über Bautzen / Budyšin hinaus im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien präsent. Am 12. Oktober 2025 wurde der 50. Geburtstag des Großen Hauses gefeiert.
Anfänge im Mittelalter
Die Theatertradition in Bautzen / Budyšin reicht erstaunlich weit zurück. Bereits im Jahr 1413 ist eine Theateraufführung schriftlich belegt – jedoch verbunden mit einem tragischen Ereignis. Am 5. Februar 1413 wurde unter freiem Himmel das Stück „Comoedie de Passione S. Dorotheae“ aufgeführt. Ein großes Publikum verfolgte das Spiel, einige sogar von den Dächern der umliegenden Häuser. Während der Aufführung brach eines dieser Ziegeldächer ein – 33 Menschen kamen ums Leben. Dieses Unglück ging in die Geschichte ein.
Bürgertum und Theaterliebe
Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung des Bautzener Stadttheaters im Jahr 1796. Auf Initiative des Stadtrates Karl Wilhelm August Hering wurde eigens eine Aktiengesellschaft ins Leben gerufen, um den Bau des Schauspielhauses zu finanzieren. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich daran und ermöglichten so gemeinschaftlich den Betrieb des Theaters – ein frühes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement für Kultur. Am 26. Oktober 1796 wurde das neue Theater mit 25 Logen in zwei Rängen und einer Galerie feierlich eröffnet.
Das alte Stadttheater (Foto: Archiv)
Parallel dazu entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine starke sorbische Laienbewegung. 1862 wurde in Bautzen / Budyšin ein sorbisches Theater gegründet, das zunehmend zum Ausdruck sorbischer Kultur und Sprache wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand daraus das erste sorbische Berufstheater, das „Serbske Ludowe Dźiwadło“. 1948 gegründet, verfügte es zunächst über kein eigenes Haus, sondern lediglich über ein Verwaltungs- und Probengebäude. Gespielt wurde vor allem in den Dörfern und Gasthäusern der Region. Dreizehn Jahre später kam ein zweisprachiges Marionettentheater als eigene Sparte hinzu.
Die Geburt des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters
Mitte der 1960er Jahre drohte in der DDR vielen kleineren Theatern die Schließung. Auch das Bautzener Stadttheater stand auf der Kippe. Doch statt sein Ende zu besiegeln, fand man eine ungewöhnliche Lösung: Das deutsche Stadttheater und das sorbische Volkstheater wurden zusammengelegt.
„Gerettet hat das Bautzener Stadttheater das Sorbische“, erklärt Eveline Günther, geschäftsführende Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen / Budyšin. Mit dem Zusammenlegen beider Theater entstand 1963 das Deutsch-Sorbische Volkstheater, bis heute das einzige zweisprachige Berufstheater Deutschlands.
Mit der Fusion erhielt das sorbische Ensemble erstmals ein festes Haus. Doch dieses war klein und baufällig. Im Jahr 1969 wurde das historische Stadttheater schließlich abgerissen.
Ein Theater durch List und Zusammenhalt
Der eigentlich geplante großzügige Theaterneubau fand aufgrund des Politikwechsels in Berlin nicht statt. Stattdessen gingen die Verantwortlichen im Landkreis und der Stadt Bautzen einen kreativen Weg: ein als „Erweiterungsbau“ deklarierter Anbau. „Unser Haus, das jetzt 50 Jahre steht, ist praktisch ein Schwarzbau oder Anbau. Das war damals ein Trick“, erzählt Eveline Günther offen.
Bau des neuen Theaters (Foto: Archiv)
Zahlreiche Betriebe unterstützten das Vorhaben, halfen mit Material, Arbeitskraft und Organisation. 1975 konnte das neue Theater schließlich eingeweiht werden. Der Bau steht sinnbildlich für den Zusammenhalt der Stadt – entstanden nicht nur durch Planung, sondern vor allem durch Engagement, Erfindungsgeist und Liebe zum Theater.
1975: Eröffnung des großen Hauses (Foto: Archiv)
Erneuerung und Gegenwart
Seit den 2000er Jahren wurde das Theater umfassend saniert und modernisiert. Ein neuer Bühnenturm, zusätzliche Probebühnen, erweiterte Foyers und moderne Technik machten das Haus fit für die Zukunft. Dabei wurden auch die Bedürfnisse des Ensembles berücksichtigt. „Wir hatten Mitspracherecht, wie was gebaut wird, wie es aussieht und funktioniert“, so Günther. Die architektonische Harmonie zwischen Alt- und Neubau ist bis heute sichtbarer Ausdruck eines sensiblen Umgangs mit Geschichte und Gegenwart.
Ein Theater als Identitätsort
Heute ist das Deutsch-Sorbische Volkstheater nicht nur kulturelle Institution, sondern auch Spiegel der Stadtgeschichte und lebendiger Identitätsort. Dort begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne, deutsche und sorbische Kultur. „Es ist mehr als ein Theater. Es ist ein Stück Bautzen.“, betont Eveline Günther.
Aufführung von Schierzens Hanka (Foto: Miroslaw Nowotny)
Weitere Veranstaltungen 2026
Das Ensemble besteht aus 22 Schauspielerinnen und Schauspielern sowie sechs Puppenspielerinnen und Puppenspielern. In jeder Spielzeit entstehen etwa 25 Neuinszenierungen in deutscher, ober- und niedersorbischer Sprache.
Freuen kannst du dich beispielsweise auf die Familienoper „Krabat“, die Märchenkomödie „Der Drache“ und die Komödie „Kalter weißer Mann“ . Vom 18. Juni bis 26. Juli 2026 findet außerdem der 30. Theatersommer auf der Ortenburg statt, der jährlich von mehr als 35.000 Zuschauern und Zuschauerinnen besucht wird. Mehr Informationen findest du im Spielplan.
5 sorbische Vokabeln passend zum Thema Theater
Bühne - jewišćo
Schauspieler - dźiwadźelnik
Vorhang - zawěšk
Publikum - publikum
Applaus – aplaws
Beitragsbild: Roman Koryzna