10. Dudelsackfestival in Schleife / Slepo: Eine Tradition, die geblieben ist

Vom 19. bis 21. Juni 2026 wird es in Schleife / Slepo bzw. im Schleifer Sorbisch „Slěpe“ wieder laut und traditionsreich: Das 10. Internationale Dudelsackfestival steht vor der Tür und lädt zahlreiche Musiker aus nah und fern ein. Im Mittelpunkt steht ein Instrument, das viele eher aus Schottland kennen – das aber auch tief in der sorbischen Kultur verwurzelt ist: der Dudelsack / kozoł.

Was Schleife / Slepo / Slěpe dabei so besonders macht: Es ist die einzige Region Deutschlands, in der das Dudelsackspiel seit Jahrhunderten ununterbrochen gepflegt wird. Das Festival ist damit nicht nur ein musikalisches Ereignis, sondern auch ein lebendiges Stück Kulturgeschichte.

Der sorbische Dudelsack / kozoł: gebaut aus Ziegenfell und Obstbaumholz

In der sorbischen Musiktradition gehört der Dudelsack / kozoł fest dazu und wird oft im Zusammenspiel mit der kleinen dreisaitigen Geige / fidle gespielt. Der Dudelsack kam vermutlich im Mittelalter über deutsche Handwerker, Soldaten oder Händler in die Lausitz / Łužica. Er wurde vor allem für Tanzmusik genutzt, ähnlich wie in Schottland oder Irland, jedoch mit regional typischen Melodien, und fand Einsatz bei Festen, Tänzen und Umzügen.

Überliefert sind zwei Bauformen: der große Dudelsack / kozoł und der kleinere Dudelsack / měchawa. Beides sind regional entwickelte Varianten des Dudelsacks, die sich weniger in ihrer Konstruktion als im Erscheinungsbild und in ihrer Verwendung unterscheiden.

Die sorbischen Volksinstrumente: Großer Dudelsack / kozoł, kleine und große dreisaitige Geige und kleiner Dudelsack / měchawa (Bild: Sorbischer Kulturtourismus)

Anders als beispielsweise bei den schottischen Dudelsäcken erfolgt bei beiden sorbischen Dudelsäcken die Luftzufuhr nicht durch ein Anblasrohr, sondern durch das Betätigen eines Blasebalgs, der sich unter dem rechten Ellbogen des Musikanten befindet. Bei Betätigung presst der Blasebalg Luft in einen Windsack aus Ziegenfell oder Ziegenleder. Dieser liegt unter dem linken Arm und speichert die Luft, die anschließend in die Pfeifen geleitet wird.

Die Pfeifen beider Dudelsäcke bestehen meist aus gedrechseltem Obstbaumholz und enden in verzierten Messingschalltrichtern. Den charakteristischen Klang erzeugt ein kleines Schilfblättchen im Inneren.

Auffällig ist vor allem der zottige, große Dudelsack / kozoł: Er besteht aus einem verzierten Ziegenbockskopf, oft mit Wildschweinhauern. Der kleinere Dudelsack / měchawa ist schlichter, dunkel gegerbt und ohne solche Verzierungen. Auch die Funktion war unterschiedlich: Während der kleine Dudelsack / měchawa früher etwa den feierlichen Kirchgang bei Hochzeiten begleitete, kam der große beim Tanz zum Einsatz.

Eine der letzten lebendigen Dudelsacktraditionen Europas in Schleife / Slepo / Slěpe

Dass diese Instrumente heute noch gespielt werden, ist nicht selbstverständlich: In vielen Regionen Europas ist die Dudelsacktradition im Laufe der Zeit verschwunden. In Schleife / Slepo / Slěpe dagegen lässt sich eine kontinuierliche Linie bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Bildliche Darstellungen, etwa eines Dudelsackspielers auf Fresken von 1486 in der Kirche zu Briesen bei Cottbus / Chóśebuz, belegen die lange, traditionsreiche Geschichte des Dudelsacks im sorbischen Siedlungsgebiet.

Fresko eines Dudelsackspielers in der Kirche zu Briesen bei Cottbus / Chóśebuz (Bild: Verein Briesener Fresken e.V.)

„Aufgrund des Brauches, dass zu einer sorbischen Hochzeit immer ein Dudelsackspieler mit der měchawa und ein Geiger mit der kleinen dreisaitigen Geige musizierten, blieb das Dudelsackspiel erhalten“, erklärt Wolfgang Kotissek vom Sorbischen Folkloreensemble Schleife. „Somit ist die Schleifer Region die einzige in Deutschland, in der das Spiel auf dem Dudelsack seit Jahrhunderten ununterbrochen gepflegt wird.“

Das Wissen über Bauweise, Spieltechnik und Repertoire wurde über Generationen weitergegeben. Bis heute ist die Dudelsackmusik ein markanter Bestandteil der sorbischen Kultur in der Region. Gleichzeitig gewinnt das Instrument auch in anderen Teilen der Ober- und Niederlausitz wieder an Bedeutung. „Inzwischen wird aber auch in den anderen sorbischen Regionen dieses Instrument gespielt und gehört damit zu einem Identitätsmerkmal in der sorbischen Bevölkerung“, so Kotissek.

Gegenwärtig gibt es in der Lausitz / Łužica zwei sorbische Dudelsackbauer. Schätzungsweise mehr als 50 sorbische Dudelsäcke befinden sich aktuell im Umlauf – in Ensembles, Museen oder privatem Besitz. Trotz seiner langen Tradition entwickelt sich das Dudelsackspielen weiter: Während früher fast ausschließlich Männer spielten, lernen heute auch Mädchen und junge Frauen das Instrument, insbesondere in Vereinen und Musikgruppen der Region.

Das Sorbische Folkloreensemble Schleife: Forschung, Bühne und Weitergabe

Einen großen Anteil daran, dass die Musiktradition nicht abgerissen ist, hat das Sorbische Folkloreensemble Schleife. Das 1973 gegründete Ensemble vereint Musikanten, Tänzerinnen und Tänzer sowie eine Frauensingegruppe.

Einzug des Sorbischen Folkloreensembles Schleife beim Internationalen Dudelsackfestival (Bild: Domowina Slepo)

Seine Arbeit geht über das reine Aufführen hinaus. Grundlage ist eine umfangreiche Feldforschung zur Musik der Schleifer Region. Alte Melodien, Tänze und Lieder wurden gesammelt, dokumentiert und anschließend für Bühnenauftritte bearbeitet.

Mehr als 1.000 Auftritte im In- und Ausland zeigen, dass die regionale Musik auch über die Lausitz / Łužica hinaus verstanden wird. Unterstützt wird die Arbeit unter anderem durch ehemalige Mitglieder des Sorbischen National-Ensembles Bautzen, durch die Domowina, die Stiftung für das sorbische Volk und durch die Gemeinde Schleife / Slepo / Slěpe.

Das Festival 2026: drei Tage Programm zwischen Tradition und Gegenwart

Das Dudelsackfestival in Schleife / Slepo / Slěpe hat sich über Jahrzehnte hinweg stetig weiterentwickelt. Bereits 1984 fand die erste Ausgabe statt: „Schwerpunkt war damals der Informationsaustausch von Dudelsackspielern und -bauern aus der DDR, aus Polen und der Tschechoslowakei zum Bau und zur Spielweise von Dudelsäcken“, erinnert sich Wolfgang Kotissek.

Während die frühen Festivals vor allem national geprägt waren, wuchs die Veranstaltung Schritt für Schritt über regionale und nationale Grenzen hinaus. Nach 1990 entstanden zunehmend Kontakte zu Musikgruppen aus ganz Europa.

Verschiedenste Tanz- und Musikgruppen zu Gast in Schleife / Slepo / Slěpe (Bilder: Domowina Slepo)

„Erst 2010 fand dann das 6. Internationale Dudelsackfestival in Schleife / Slepo / Slěpe statt. Unter dem Motto ‚Der Dudelsack im 21. Jahrhundert‘ wurde der Anspruch formuliert, dem Publikum alle weltweit vorhandenen Dudelsackarten zu präsentieren“, erklärt Kotissek.

Heute reisen Gruppen, Ensembles und Solisten aus dem In- und Ausland nach Schleife / Slepo / Slěpe. „Alle vier Jahre erklingt nun Dudelsackmusik – gepaart mit Tanz und Gesang – von vielen Musikgruppen aus dem In- und Ausland für mehrere Tausend Gäste von nah und fern“. Das Jubiläumsfestival 2026 knüpft genau daran an und unterstreicht einmal mehr die enge Verbindung Schleifes / Slepo / Slěpe zur sorbischen Dudelsacktradition hat.

5 obersorbische Vokabeln passend zum 10. Internationalen Dudelsackfestival

Musik - hudźba

Tanz - reja

Folklore - folklora

Fest - swjedźeń

Instrumente – instrumenty

Beitragsbild: Domowina Slepo


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